Die Nachricht: Der «Tages-Anzeiger» veröffentlichte vergangene Woche einen Rundumschlag gegen Graubünden: Der Kanton liege wirtschaftlich und strukturell am Boden, die Bündnerinnen und Bündner hätten jegliches Selbstbewusstsein verloren.

Der Kommentar: Die Klatsche tat weh. Graubünden soll ein hoffnungsloser Fall sein? Und kaum zu ertragen: Uns kauzigen Berglern wird Stolz und Selbstbewusstsein abgesprochen! Diese Kritik von aussen hat in Graubünden bei vielen einen Abwehrmechanismus in Gang gesetzt. Nein, so schlimm ist es gar nicht! Anderen Kantonen geht es dreckiger als uns. Dennoch liess sich der Stich ins Herz nicht ausblenden, denn die Ausführungen des «Tages-Anzeigers» könnten, trotz der Faktenfehler und der fehlenden Argumentationslinie, etwas Wahres haben.

Dieses Gefühl des leichten Unwohlseins haben wir als «Südostschweiz»-Redaktion aufgenommen und in unserem Blatt eine kantonale Diskussion in Gang gesetzt. Uns war es wichtig, Antworten zu erhalten, aber auch zu liefern.

Graubünden ist ein wunderbarer, vielfältiger Kanton. Innovation findet statt, auch sehr erfolgreich, aber meistens im Kleinen. Wir brüsten uns, «wildi Siacha» zu sein, Pioniergeist im Blut zu haben, und stützen wir uns dabei auf die Leistungen älterer Generationen. Beispiele: die Rhätische Bahn mit ihren Viadukten und Tunneln, die Vorreiterrolle von Savognin beim Einsatz der Schneekanonen. Was war damals so anders als heute? Die Menschen haben ihre Visionen umgesetzt – ohne zahllose Gutachten, dafür mutig, kühn und überzeugt. Nein, der Stolz ist uns Bündnerinnen und Bündnern nicht abhandengekommen; nur unsern Mut, risikofreudiger zu agieren, müssen wir dringend reaktivieren. Das Streben nach Ideallösungen, die Sucht nach Sicherheit und die Nulltoleranz gegenüber dem Scheitern werden uns nicht zu mutigen und zukunftsgerichteten Schritten führen. Mit ihnen müssen wir aber beginnen, Sie und ich, in Graubünden – und der Schweiz.

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