Der Kommentar: In der Schweiz brandet wellenweise Kritik am überbordenden Sozialstaat auf. Derzeit schwappt wieder ein Shitstorm übers Land, weil angeblich immer mehr Leute das Sozialsystem missbrauchen. Im Fokus steht die Schweizerische Konferenz für Sozialhilfe (Skos), die Richtlinien für Sozialhilfe erlässt. So wird zum Beispiel der Grundbedarf zum Überleben für eine Einzelperson bei knapp 1000 Franken pro Monat fixiert, für eine vierköpfige Familie bei etwas über 2000 Franken. Die SVP findet nun, dies sei alles übertrieben. Sie will erreichen, dass möglichst viele Kantone und Gemeinden der Skos den Rücken kehren.

Befeuert werden solche Forderungen mit Horrorgeschichten, die den Irrsinn der heutigen Staatshilfe für Bedürftige zeigen sollen. Da geisterte durch die Presse – von der sogenannt seriösen bis zu jener des Boulevards – die Story von der kleinen Zürcher Gemeinde Hagenbuch, die für eine einzige eritreische Flüchtlingsfamilie so viel Geld ausgeben muss, dass sie sich gezwungen sieht, die Steuern zu erhöhen. Alle haben diese Geschichte nachgebetet, bis das Internetportal Watson genauer recherchierte und herausfand, dass die Gemeindepräsidentin wider besseres Wissen Falsches erzählt hat. Mehr als die Hälfte dieser Kosten übernimmt der Kanton; von Zwang zu Steuererhöhung keine Spur.

Die Gemeindepräsidentin, die diesen Unsinn daherfaselte, ist Mitglied der SVP. Und so reimt sich alles zusammen: Mit einer halb richtigen, halb erfundenen und masslos aufgebauschten Story wird das Terrain vorbereitet, um die Sozialhilfe auf breiter Front zu demontieren. Das Schema ist von früher bekannt, als zum Beispiel in der SVP-Küche der Terminus «Scheininvalide» geboren wurde. Auch wenns nicht stimmt: Etwas bleibt immer hängen.

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