«Rechnet mit uns, jederzeit, überall!», so heisst es in einem neuen Propagandavideo des Islamischen Zentralrats der Schweiz, das stark an die Video-Inszenierungen des IS erinnert. Darin werden Muslime als Opfer von Folter, Unterdrückung und Ausrottung dargestellt, die sich nun erheben und wehren wollen. «Nun sind wir aber nicht nur zu einem Baum geworden, sondern ein ganzer Wald – stark und unzerbrechlich. Der Anfang einer islamischen Revolution.»

Auch wenn der Zentralrat nur eine kleine Gruppe unter Muslimen in der Schweiz vertritt, muss man die Drohung in diesem Video ernst nehmen, denn es bringt eine radikale Geisteshaltung zum Ausdruck, die jederzeit in Gewalt münden kann. Es ist genau die gleiche Geisteshaltung und das gleiche muslimische Selbstbild, womit al-Kaida und der IS ihre Kämpfer rekrutieren. Muslime werden als Opfer dargestellt, die keine mehr sein wollen. Diese Mischung aus Ohnmacht und Allmachtfantasien macht den Dschihadismus aus. Diese explosive Mischung macht den Islamismus unberechenbar gefährlich. Auch wenn der Zentralrat sich von Gewalt distanziert, leistet er durch diese Wortwahl und Opferhaltung eine Vorarbeit für den IS und andere militante Gruppen. Denn wie sonst soll eine islamische Revolution aussehen?

Wir erleben gerade eine neue Dimension des globalen Dschihad, eine Entfesselung der radikalsten Kräfte des Islam. Die wirtschaftliche, demografische und politische Misere in den meisten islamischen Staaten und der wachsende Extremismus machen den Islam zu einer Zeitbombe. Die Mehrheit der Muslime ist friedlich und hat kein Interesse daran, die Bombe hochgehen zu lassen. Eine Minderheit unter ihnen tut dies jedoch und sieht in dieser apokalyptischen Gewalt die Erfüllung eines heiligen Versprechens. Viele junge Muslime in Europa fühlen sich deshalb nicht nur von der Rhetorik, sondern auch von der Strategie und der Vorgehensweise des IS angesprochen. Eine entfesselte Brutalität soll den Lauf der Geschichte ändern und das Reich Gottes auf Erden erzwingen. Aus der Not wird eine Tugend gemacht. Junge Europäer mit Migrationshintergrund und Konvertiten, die es in der eigenen Gesellschaft zu nichts gebracht haben, können nun im Kalifat nicht nur als Soldaten Gottes Karriere machen, sondern auch als Statthalter, Richter und sogar als Minister. In Europa marginalisiert, können sie im Islamischen Staat über Leben und Tod entscheiden. Das prominenteste Beispiel ist der Ägypter Reda Seyam, der jahrelang in Berlin als Arbeitsloser von Sozialhilfe lebte und beim IS zum Bildungsminister aufgestiegen war, bevor er Anfang Dezember im Kampf nahe der Stadt Mosul getötet wurde.

In einem Propagandavideo verspricht ein anderer IS-Kämpfer, Rom bald zu erobern. «Der Sieg des Islam wird nicht erfolgen, ohne dass Körperteile zerfetzt und Schädel zermalmt werden», sagt ein anderer. Und wie gesagt soll solche Brutalität den Lauf der Geschichte ändern.

In seinem einzigen öffentlichen Auftritt sprach al-Baghdadi zu den Muslimen in Mosul, als er zum Kalifen ernannt wurde. «Ich verspreche euch nicht, was andere Herrscher ihren Untertanen versprechen, keine Sicherheit, keinen Wohlstand, nein, ich verspreche euch, was Allah den Gläubigen im Koran versprach: ‹Verheissen hat Allah denjenigen, die unter euch gläubig sind und das Rechtschaffene tun, dass Er sie zu seinen Stellvertretern auf der Erde werden lässt›» (Sure 24:55 ).

Damit Gott sein Versprechen einlöst, rief al-Baghdadi die Gläubigen zum Kampf gegen die Ungläubigen auf, wie es Mohammed in Sure 8:39 tat: «Und kämpft gegen sie, damit keine Spaltung mehr stattfinden kann und bis die Religion vollständig auf Allah gerichtet ist!» Al-Baghdadi betont, «Gottes Wille kann vollstreckt werden, und ein islamischer Staat kann stehen und bestehen bleiben, erst wenn das Gesetz Allahs umgesetzt wird. Und das braucht Macht und Stärke: braucht ein Buch, das den Weg weist, und ein Schwert, der die Religion zum Sieg verhilft.»

Genau hier liegt das Problem. Der IS wird mit seinem Traum, die Welt zu erobern, scheitern und irgendwann als Fussnote in der Geschichte des Nahen Ostens enden. Doch die Idee und die Geisteshaltung dahinter werden bleiben. Das Kalifat als Mental Map ist ins islamischen Kollektivgedächtnis graviert. Nicht nur militante Islamisten träumen von der Einführung der Scharia, sondern viele Muslime – auch viele, die in Europa leben.

Schafft es der militante Islamismus, in der arabischen Welt Fuss zu fassen, wird die Zahl der Dschihadisten steigen, auch in Europa. Wird der IS, wie es im Moment aussieht, geschwächt oder gar vernichtet, werden viele Kämpfer enttäuscht in den Westen zurückkehren und womöglich Racheaktionen durchführen. Schon jetzt schlägt die Stunde der Einzeltäter. In Sydney nimmt ein Islamist mehrere Menschen als Geiseln; die Befreiungsaktion endet blutig. Frankreich wird von zwei Anschlägen erschüttert: In Nantes und Dijon rasen zwei muslimische Autofahrer in Passanten und verletzen viele Menschen. In New York erschiesst ein zum Islam konvertierter Afroamerikaner zwei Polizisten. Ob all diese Täter einen Bezug zum IS haben oder nicht, bleibt zweitrangig. «Rechnet mit uns! Überall, jederzeit!» Der Dschihad hat sich längst privatisiert und sich von den üblichen Strukturen und politischen Ansprüchen gelöst.

Diese Einzelaktionen zeigen, dass die Niederlage des militanten Islamismus auch Gefahren birgt. Jeder desorientierte junge Muslim, der zu Gewalt neigt, kann aus Hochmut oder Verzweiflung ein Attentat verüben und dann das Etikett der gerechten Sache darauf kleben. Viele junge Muslime, die Europa verlassen, um sich dem Dschihad in Syrien und Irak anzuschliessen, handeln aus den gleichen Motiven. Weil sie sich in der modernen Welt des 21. Jahrhunderts nicht zurechtfinden, versuchen sie ihr Glück in einer Welt, die im 7. Jahrhundert stecken geblieben ist. Noch bietet ihnen der IS die Möglichkeit, diesen Traum zu verwirklichen. In Europa wachsen der Unmut der Bevölkerung und die Angst, dass das, was zurzeit im Nahen Osten geschieht, bald Realität in Europa sein könnte. Es formieren sich Gruppen wie Pegida in Deutschland und warnen vor einer Islamisierung des Abendlandes. Die Polarisierung nimmt zu. Religiöser Fundamentalismus provoziert einen gekränkten europäischen Nationalismus – und beide schaukeln sich gegenseitig hoch.

Die Politik beschränkt sich oft auf symbolische Aktionen. Versöhnliche Töne in der Islam- und Migrationsdebatte klingen oft hilflos und unglaubwürdig. Muslimen und Flüchtlingen hilft eine Distanzierung von Pegida und ähnlichen Phänomenen wenig, wenn die Sorgen der Bevölkerung in Bezug auf den Islam und die Migration von der Politik nicht ernst genommen werden. Genauso wenig hilft es Europa, wenn muslimische Vertreter sich durch Lippenbekenntnisse vom IS distanzieren, ohne das Gedankengut, das zur Begeisterung für den Dschihad führt, in den Moscheen deutlicher zu bekämpfen.

Solange jede Seite glaubt, im Besitz der Wahrheit zu sein und dass die anderen nur Teil einer Verschwörung zur Bekämpfung des Islam oder zur Unterwanderung des eigenen Volkes seien, wird die Polarisierung zunehmen.

Man kann den Islam kritisieren und auf die Gefahren, die von ihm ausgehen, hinweisen – ohne im gleichen Atemzug alle Muslime als potenzielle Terroristen zu diffamieren. Man kann Pegida kritisieren, ohne alle Menschen, die mit demonstrieren, als Rassisten zu verunglimpfen.

Muslime, Flüchtlinge, Pegida-Demonstranten, Initiatoren der Volksabstimmung gegen mehr Einwanderung in der Schweiz sind in erster Linie Menschen, die Ansprüche, Ängste und auch Fehler haben. Eine schnelle Verurteilung der jeweiligen Gruppe löst keine Probleme. Im Gegenteil, das verschärft die gegenseitige Skepsis und lähmt die Gesellschaft auf lange Sicht. Die einfache Aufteilung «hier die Guten und dort die Bösen», bekämpft die jeweiligen Phänomene und unterbindet die Fehlentwicklung nicht. Man muss genauer hinschauen und nach einem Ausweg suchen.

Wenn alle lernen würden, Menschen als Menschen zu begegnen, nicht als Vertreter einer bestimmten Religion oder Nation, dann hat das friedliche Zusammenleben eine Chance! Weniger Religion und weniger Nationalismus täte der Politik gut! Europa muss mehr Säkularisierung wagen, nicht nur in Bezug auf den Islam. Wenn alle Seiten sich mehr für den Humanismus und die Menschenrechte einsetzen würden als für die Interessen ihrer eigenen Gruppen, kann Europa viel Ärger erspart bleiben.

* Hamed Abdel-Samad ist deutsch-ägyptischer Politologe und Buchautor («Der islamische Faschismus»).

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