Der Kommentar: Kein anderes Land zählt so viele bedeutende Unternehmen pro Kopf wie die Schweiz. Auf der Liste der «Global 500» des Wirtschaftsmagazins «Fortune» stehen fünfzehn Konzerne mit Hauptsitz in unserem Land, fast zwei pro Million Einwohner – die Niederlande auf Platz zwei kommen auf 0,78 Konzerne pro Million Einwohner. «Das heimliche Imperium» nannte der Publizist Lorenz Stucki diese Wirtschaftsmacht in einem Buch aus dem Jahr 1968.

Damals wie heute stammen viele bedeutende Konzerne aus dem 19. Jahrhundert, so zwei Drittel der grossen Namen auf der «Fortune»-Liste. Drei wichtige Firmen, Credit Suisse, Swiss Re und Swiss Life, gehen auf die Initiative des unternehmerischen Politikers Alfred Escher (1819–1882) zurück. Was braucht es, um dieses «Wirtschaftswunder Schweiz» ins 21. Jahrhundert hinüberzuretten? Es sind vor allem drei Faktoren, die das heimliche (und da und dort vielleicht sogar unheimliche) Imperium entstehen liessen und die – vernünftig modernisiert – der Schweiz weiterhin Erfolg bringen können.

Da ist zunächst die auf dem Frieden im Inneren und auf der Neutralität nach aussen basierende Stabilität des Landes. Sie dürfte im 20. Jahrhundert ebenso sehr wie das Bankgeheimnis zur Attraktivität der Schweiz für grosse Vermögen beigetragen haben. Solange sich das Land aus Konflikten heraushalten kann, ist es ein «sicherer Hafen», aber auch ein idealer Standort für Geschäfte, bei denen es auf Neutralität und Diskretion ankommt, etwa für den in jüngster Zeit immer wichtiger werdenden Rohstoffhandel.

Ein weiterer Faktor ist die Skepsis gegenüber zentraler Planung. Es gab keine Schweizer Ideologie und keine führungsstark umgesetzte Strategie der Regierung, die der Schweiz Erfolg brachte. Der weitsichtige Alfred Escher erhielt 1880 zum Durchstich des von ihm angeregten Gotthardtunnels keine Einladung, weil er seinen Gegnern zu mächtig geworden war. Die Skepsis der Schweizer gegenüber grossen Konzepten ist nirgends so angebracht und nutzbringend wie in der Wirtschaft.

Welche staatliche Stelle hätte ahnen können, dass man die Schweizer Uhrenindustrie mit einer Plastikuhr retten konnte? Oder dass in Aluminiumkapseln verpackter Kaffee sich als Welterfolg erweisen würde? Statt zu planen, schuf der Staat eher Freiräume, in denen unternehmerische Menschen ihren Schaffensdrang ausleben konnten. Die Schweiz muss diese Freiräume bewahren, statt ihre Wirtschaft übereifrig zu reglementieren.

Und nicht zuletzt verdankt die Schweiz ihren wirtschaftlichen Erfolg der Offenheit. Zahlreiche Gründerpersönlichkeiten stammten aus dem Ausland, vom Hugenotten Peter Bion, der 1721 in St. Gallen als erster Baumwollfasern verspann und verwob, über bekannte Namen wie Heinrich Nestlé aus Frankfurt oder den Engländer Charles Brown und den Deutschen Walter Boveri (ABB) bis hin zu den Franzosen Martine und Jean-Paul Clozel, die ab 1997 mit der Biotechfirma Actelion in Rekordzeit ein SMI-Unternehmen aufbauten.

Offensichtlich gelang es dem Land, ein politisches und kulturelles Klima zu schaffen, in dem Menschen jenen Erfolg finden konnten, den sie anderswo nicht anstreben durften. Zugleich finden sich aber in der Schweizer Wirtschaftsgeschichte auch auffallend viele Persönlichkeiten, die sich in anderen kulturellen Kontexten bewährten. Für sie steht exemplarisch Cäsar Ritz (1850–1918), der vom Ziegenhüter im Wallis zum «König der Hoteliers und Hotelier der Könige» aufstieg.

Die Schweiz war und ist offener, als es ihrem Selbstbild entspricht – sie nahm prozentual mehr Fremde auf als andere Länder. Umgekehrt waren auch sehr viele Schweizer bereit (und oft gezwungen), in die Fremde zu ziehen und sich dort anzupassen. Die vielen Volksinitiativen gegen die Zuwanderung sind vor diesem Hintergrund deshalb mindestens so sehr eine Reaktion auf grosse Offenheit wie ein Hinweis auf fehlende Offenheit. Gerade zur Sicherung ihres wirtschaftlichen Erfolgs wird die Schweiz weiterhin diese kontrollierte Offenheit pflegen müssen, jene geschickte Balance zwischen Offenheit und Abgrenzung.

Die externen Kolumnisten und Kommentatoren des «Sonntags» äussern in ihren Beiträgen ihre persönliche Meinung.

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