Wie clean soll Sport sein?

Der Schweizer Fussball läuft Gefahr, wegen vereinzelter Hitz- und Hohlköpfe seinen Reiz zu verlieren. Den Reiz für Familienväter, mit ihren Söhnen in ein Fussballstadion zu gehen. Den Reiz für Sponsoren, einen Klub zu unterstützen. Vor allem aber den Reiz, sich den Emotionen hingeben zu können. Genau davon lebt nicht nur dieser Sport. Dass der Banker neben dem Schreiner und dem KV-Lehrling auf der Tribüne sitzt oder in der Fankurve steht. Dass man sich gemeinsam freuen oder ärgern kann – über den eigenen Verein, den Gegner oder den Schiedsrichter. Dass ein, zwei Biere getrunken und der Alltag vergessen werden kann.

Was passierte nach den lebensgefährlichen Petarden-Würfen im Letzigrund? «Fernsehen, Radio und Presse schalteten auf Skandal», monierte Pascal Claude in der «WOZ». Da muss ich ihm widersprechen: Das Verhalten dieser «Fans» ist nicht nur skandalös, sondern kriminell. Wer es nicht klar benennt, muss sich die Frage gefallen lassen, ob er dieses Verhalten denn duldet. Aber Schuldzuweisungen und Begrifflichkeiten bringen uns keinen Schritt weiter. Hier hat Fussball-Kenner Claude recht, wenn er von einem «politischen Entrüstungsspektakel» schreibt.

Mit Matthias Remund meldet sich jetzt erstmals eine gewichtige Stimme zu Wort, die im Gegensatz zu Zürcher Lokalpolitikern nicht mit billiger Propaganda um Wählerstimmen buhlen muss. Der Direktor des Bundesamts für Sport sagt im Interview mit dem «Sonntag» klipp und klar: «Wir müssen eine neue Fussballkultur entwickeln mit Nulltoleranz.» Doch diese neue Kultur hat ihren Preis, wie Remunds Dreipunkteplan zeigt: Feuerwerkskörper weg, Fahnen weg, Ausweise her.

Die Debatte über Sinn oder Unsinn wird heftig und berechtigt sein. Denn die Massnahmen würden alle Fans in Sippenhaft nehmen. Diese Entwicklung macht den Sport immer cleaner. Nicht nur Hooligans, auch Cüpli-Logen tragen ihren Teil dazu bei. Wenn jetzt auch Choreografien, Fahnen und das Bier zur Wurst verschwinden, ist dies übertrieben. Aber es braucht wohl leider ein «klares Korsett», wie es Remund ausdrückt, damit sich die 76. Minute vom Zürcher Derby nicht wiederholt. Die eigentliche Schande ist, dass es überhaupt so weit kommen konnte.

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