Gewiss, die Gotteshäuser sind, ausser am heutigen Ostersonntag und an Weihnachten, meist ziemlich leer. Aber ist das gleichbedeutend mit «Entchristlichung»? Zumindest in einem wichtigen Teil der Gesellschaft, der Politik, sitzen überwiegend Mitglieder der Landeskirchen an den Schalthebeln der Macht. Während in der Bevölkerung gesamtschweizerisch 64 Prozent katholisch oder reformiert sind, sind es in den Kantonsregierungen eindrückliche 90 Prozent. Nun lässt sich nicht eruieren, ob die Regierungsräte nur ihre Kirchensteuern zahlen oder ob sie religiös sind. Aber Tatsache ist: In den Exekutiven gibt es nur vereinzelt Konfessionslose, und Angehörige anderer Religionen sucht man vergeblich.

Die Kirchen verloren insbesondere nach 1968 in der Schweiz und in anderen westlichen Demokratien an politischem Einfluss. Die Trennung von Kirche und Staat ist in einer liberalen Gesellschaft eigentlich eine Selbstverständlichkeit (hierzulande aber nur teilweise erfüllt). Doch die Erosion, so scheint es, wurde in der jüngeren Vergangenheit zumindest gestoppt. Ironischerweise ist es auch der Zeitgeist – also das, was die Kirche gerade nicht verkörpert - , welcher den Kirchen zugutekommt: In unserer Gesellschaft herrscht eine konservative Grundstimmung, Traditionen werden wieder wichtiger, das zeigt auch die Polit-Debatte um Marignano und Morgarten. Hinzu kommen der Vormarsch des Islam in Europa, der vielen Bürgern Angst macht, und die Gräueltaten des sogenannten Islamischen Staats, die «unsere christlichen Werte», wie es dann auf einmal heisst, bedrohten.

Vielleicht regt sich im Westen gerade ein Gegentrend zur «Entchristlichung». In der aktuellen Ausgabe des US-Magazins «Newsweek» wird prognostiziert, im Präsidentschaftswahlkampf 2016 werde der Glaube der Kandidaten ein grosses Thema werden. Gestern las man, leicht verdutzt, in der linksliberalen «Süddeutschen Zeitung» einen Kommentar des Politikchefs Heribert Prantl, der fürs Beten plädierte («Beten kann heilen und wieder mit dem Lebenswillen verbinden»). In unserer Zeitung wurden kürzlich Zahlen veröffentlich, die zeigen: Zwar geht die Zahl der kirchlichen Trauungen seit langem zurück. Aber bei den Kindern, da geht man auf Nummer sicher: Die werden wie
eh und je getauft. In diesem Sinn: Frohe Ostern.

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