Die Nachricht: Am 18. Oktober wählt die Schweiz ein neues Parlament. Die Wahlbeteiligung bei den Rentnern ist normalerweise doppelt so hoch wie bei den jüngeren Bürgerinnen und Bürgern.

Der Kommentar: Haben Sie auch schon einmal versucht, einem älteren Menschen, wie etwa Ihrer Grossmutter, etwas «Modernes» zu erklären? Zum Beispiel, was Spotify ist? Oder warum man nicht unbedingt ein Reisebüro aufsuchen muss, um eine Reise zu buchen, sondern dies auch im Internet tun kann? Es ist nicht immer ganz einfach, generationenübergreifend etwas scheinbar Alltägliches so zu erklären, dass fundierte, politische Diskussionen darüber entstehen können. Gerade auch darum ist eine optimale Vertretung der Interessen und Meinungen sämtlicher Generationen im Parlament wichtig.

Bis jetzt sind die Interessen der jüngeren Stimmbürgerinnen und Stimmbürger im Bundeshaus bescheiden vertreten. Während an Wahlen zwei Drittel der über 65-jährigen Personen ihre Stimme abgeben, tut es ihnen nur einer von drei jungen Erwachsenen gleich. Dies fällt umso mehr ins Gewicht, als die Gruppe der Jugendlichen halb so gross ist wie jene der Rentner. Dies bedeutet: An den Wahlen stehen sich voraussichtlich 250 000 Jungwähler und rund 1 Million Altwähler gegenüber. Die Zukunft der Schweiz wird infolgedessen insbesondere von denjenigen bestimmt, die am wenigsten betroffen sein werden!

Bei den eidgenössischen Wahlen am 18. Oktober bietet sich die nächste Gelegenheit, dieses Ungleichgewicht zu beheben. Doch warum nehmen die jungen Erwachsenen ihr Stimmrecht weniger wahr als die älteren Generationen? Um diese Frage zu beantworten, hat der Dachverband Schweizer Jugendparlamente (DSJ) eine repräsentative Umfrage in Zusammenarbeit mit dem gfs.bern durchgeführt. Dabei wurden im vergangenen Herbst 1309 Jugendliche aus zehn Kantonen und drei Sprachregionen befragt. Sie beklagten sich, dass die politische Sprache zu kompliziert, die Wahl-KandidatInnen kaum bekannt und der Wahlakt generell zu schwierig sei. Es liegt also eine Überforderung vor, welche durch die schweizweit knapp 4000 KandidatInnen sowie Eigenheiten wie Kumulieren oder Panaschieren verstärkt wird.

Ebenfalls ist eine Entpolitisierung des Elternhauses und der Schulen, Orte, wo das politische Interesse primär geweckt werden könnte, feststellbar. Dies ist insofern ungünstig, als für die befragten Jugendlichen die Eltern, Lehrer und Freunde aus dem näheren Umfeld politisch motivierende Personen sind. Sogar im diesjährigen Wahlkampf der Parteien scheinen Spiel und Spass wichtiger zu sein als politische Inhalte. Denn wie die gfs-Studie festgestellt hat, sehen die jungen Stimmbürger die Wahlen nicht als Lifestyle- oder Spass-Event, sondern als eine Bürgerpflicht, an der sie sich beteiligen wollen, damit Interessen der Jugend im Bundeshaus vertreten werden. Schliesslich stehen wichtige Entscheidungen über die Zukunft der Schweiz an. Mit dem aktuellen Spass-Wahlkampf werden weniger die Jugendlichen abgeholt als vielmehr die eigenen Mitglieder, die sowieso schon wählen gehen.

Deswegen ist das Engagement anderer Akteure wie Schulen, Nonprofit-Organisationen und Medien notwendig, um der Wahl-Abstinenz der Jugendlichen entgegenzuwirken. Einen Beitrag dazu leistet das Projekt «easyvote»: In erster Linie soll durch einfache und verständliche Wahlinformationen die Überforderung abgebaut werden. Da dies aber nicht automatisch zu einer höheren Beteiligung führt, sollen durch die Kampagne #VoteNow2015 1000 Jugendliche ihre fünf bis zehn besten Freunde für die Wahlen motivieren. Dabei stehen Gespräche über politische Themen und Kandidaten im Zentrum. Dieser Peer-to-Peer-Ansatz soll die schleichende Entpolitisierung im Elternhaus, in den Schulen und im Wahlkampf kompensieren. Zudem wird eine Förderung der politischen Bildung im Rahmen des Projektes «easyvote-Polittalks angestrebt.

Doch auch den Medien kommt eine wichtige Rolle bei der Mobilisierung der Jugendlichen zu. Hier ist erfreulicherweise feststellbar, dass diese und weitere Akteure den Ernst der Lage erkannt haben und gemeinsam versuchen, die Jugendlichen mit verschiedenen Aktivitäten und Angeboten für die Wahlen zu motivieren. Schliesslich wird in der nächsten Legislatur nur eine angemessenere Vertretung der Interessen der jungen Generation im Bundeshaus feststellbar sein, wenn sich verschiedene Akteure und insbesondere auch die älteren Generationen, so zum Beispiel die Grosseltern, dafür einsetzen, dass ihre Enkelkinder an den Wahlen 2015 teilnehmen.

* Alexandra Molinaro, ist stellvertretende Geschäftsleiterin des Dachverbands Schweizer Jugendparlamente und Projektleiterin von Easyvote.

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