Der Kommentar: «Ihr Kind knetet problemlos Teig», «Ihr Kind rollt mit Plastilin eine Wurst, macht Pizza...», «Ihr Kind ist beim Werken und Basteln sehr geschickt.» Nein? Dann stimmt mit Ihrem Kind wahrscheinlich etwas nicht. Meine Tochter ist erst acht Monate alt. Muss ich mir schon Sorgen machen, ob sie einst gerne Teig kneten wird? Wer mitkriegt, wie heutzutage Kinder bereits im Vorschulalter abgeklärt werden, der ahnt: Es kann jedes Kind treffen, auch das eigene. In unserer leistungsorientierten Gesellschaft werden schon Babys in Schubladen gesteckt, analysiert – und natürlich möglichst früh therapiert.

Frühfördermassnahmen mögen gut sein für Kinder ab einem bestimmten Alter. Doch das Scannen von Kleinkindern «auf ein Defizit» oder gar auf die «Gefahr eines Defizites» hin zeigt vor allem eines auf: die Defizite unserer Gesellschaft. Wir sind überfordert mit allem, was anders ist. Und anders ist in unserer Welt mit Perfektionsanspruch schnell vieles. Denn was als «normal» gilt, ist streng reglementiert. Kinder müssen wie Schrauben funktionieren, einem Ideal entsprechen, den maximalen Entwicklungsstand aufweisen und dabei natürlich noch wohl erzogen, anständig und höflich durch die Welt laufen. Mit dem Baby, das schreit, stimmt etwas nicht. Ein Kind mit erhöhtem Geltungsdrang hat zweifellos Persönlichkeitsdefizite, das mit Temperament einen krankhaften Geltungsdrang.

Unter dem Deckmantel der Hilfe bewirkt der Abklärungswahn vor allem eines: er schwächt die Eltern und sendet dem Kind das fatale Signal: Mit dir stimmt etwas nicht. Doch wie «normal» ist es, dass wir von Geburt an nach «Defiziten» suchen? Ein schauerliches Wort übrigens, das nur Erwachsene erfunden haben können.

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