Seit dem 9. Februar stellen sich für viele der 1,8 Millionen Ausländerinnen und Ausländer – auch wenn sie seit Jahren und Jahrzehnten in der Schweiz wohnen – plötzlich ganz existenzielle Fragen: Was geschieht, wenn meine Bewilligung abläuft, ich meinen Job verliere oder meine Stelle wechseln will? Was geschieht mit meinen Familienangehörigen? Und: Wird mein jahre- oder jahrzehntelanger Einsatz noch geschätzt oder muss ich mich nun ständig rechtfertigen für die Tatsache, dass ich hier in der Schweiz lebe und arbeite?

Ja, das Ja zur Masseneinwanderungsinitiative geht alle Ausländerinnen und Ausländer in der Schweiz direkt etwas an. Die Schweizer hingegen nur indirekt. Das ist ja der grosse Trick der SVP-Initiativen: Sie betreffen die, die abstimmen gehen, nie direkt: Keiner, der Ja gestimmt hat, muss je in seinem Leben befürchten, an der Grenze abgewiesen oder ausgeschafft zu werden. Aber für alle, die in diesem Land keinen Schweizer Pass haben, stellen sich jetzt Fragen.

Liebe Ausländerinnen und Ausländer, seien wir ehrlich: Die meisten unter uns fühlen sich seit Jahrzehnten hier in der Schweiz daheim. Die meisten unter uns denken vielleicht im Traum, aber nie in Realität daran, zurückzukehren in die Heimat. Die meisten von uns sind Schweizer – aber ohne Schweizer Pass. Laut Berechnungen der «Rundschau» des Schweizer Fernsehens leben in diesem Land 900 000 Ausländerinnen und Ausländer, die alle Voraussetzungen für einen Schweizer Pass mehr als erfüllen:

> Wir beherrschen mindestens eine der Landessprachen.
> Wir arbeiten hier seit Jahrzehnten.
> Unsere Kinder gehen hier zur Schule, und zu einem grossen Teil gingen wir selber hier schon zur Schule.
> Wir bestreiten den Lebensunterhalt für uns und unsere Familie selber – liegen niemandem auf der Tasche.
> Wir interessieren uns genauso wenig oder genauso viel für Politik wie die Schweizerinnen und Schweizer mit einem Pass.
> Und ja: Wir nerven uns genau so heftig – oder nach dem Ja zur Masseneinwanderungsinitiative hoffentlich noch ein bisschen mehr –, wenn etwas an der Urne beschlossen wird, das uns nicht passt.

Ja, wir erfüllen inhaltlich, verbal und formal alle Anforderungen des roten Passes.

Ich rufe alle 900 000 Schweizerinnen und Schweizer ohne Pass auf, jetzt Schweizerinnen und Schweizer mit einem roten Pass zu werden.

Ich weiss, wovon ich rede. Bin selber im Ausland geboren. Mutter und Vater stammen aus dem Ausland. 44 Jahre lang habe ich mich geweigert, Schweizer zu werden. Warum? Natürlich auch aus Respekt vor der Herkunft der Eltern. Natürlich auch, weil es früher sehr teuer war, den Pass zu erlangen. Natürlich auch, weil es einem der «Gring» nicht zuliess, jetzt bei den Behörden anzuklopfen und vor den Einwanderungskommissionen anzutreten – und schön «Bitti-Bätti» zu machen. Und natürlich haben auch einige junge Männer den roten Pass nicht gewollt, weil sie hier sonst Militär- oder Sozialdienst machen müssten und das in ihrer Pass-Heimat nicht tun müssen. Trotzdem: Wir müssen mittun in dieser Gesellschaft, in der wir leben.

Respekt vor der Heimat der Eltern: Ja und für immer. Falscher Nationalstolz: Nein – auch nicht als Ausländer. Aber auch für alle, die sich beruflich und familiär nicht auf die Schweiz reduzieren lassen wollen und sich vorstellen könnten, auch einmal eine Zeit lang im Ausland zu arbeiten, gibt es keinen Grund mehr, freiwillig, trotzig oder schnöde auf den Schweizer Pass zu verzichten. Denn heute erlauben die meisten EU-Staaten, was die Schweiz schon lange erlaubt: die doppelte Staatsbürgerschaft. Die meisten müssten also ihre Herkunftsidentität nicht mal formal abgeben. Können auch formal leben, was sie fühlen: Wir sind im vollen Bewusstsein unserer Herkunft Mitbürgerinnen und Mitbürger der Eidgenossenschaft. Nicht nur mitdenkend, mitgeniessend, mitgeduldet, mitleidend, mitarbeitend, mitsteuerzahlend, sondern auch mitbestimmend.

Zumindest diese 900 000 der 1,8 Millionen Ausländerinnen und Ausländer im Land, welche die im Vergleich zum Ausland hohen Einbürgerungshürden erfüllen, können ein Zeichen setzen. Mehr noch. Es ist vielleicht sogar unsere Pflicht, auch und gerade auch für die Ausländer, die wirklich unerwünscht sind, die sich nicht wehren können, die Asylbewerber sind oder die wirklich nur als Arbeitskraft geduldet und oft auch als billige Arbeitskraft missbraucht werden.

Wenn die 900 000 Schweizerinnen und Schweizer ohne Pass jetzt den ihnen zustehenden Pass holen, dann hat die Schweiz 900 0000 Bürgerinnen und Bürger mehr, die voll und ganz bei der Gestaltung dieses Landes mit dabei sind.

Umgekehrt – und defensiv formuliert – gibt es dann auch nicht mehr rekordverdächtige 1,8 Millionen Ausländer, sondern die Hälfte davon. Diese Zahl wäre vergleichbar mit den Zahlen im Ausland. Ein Beispiel: die Heimat meiner Eltern, Belgien. Seit 50 Jahren wandern Marokkaner in Belgien ein. Heute sind es 400 000 mit Herkunft Marokko. Aber davon haben nur 40 000 keinen belgischen Pass. Alle anderen haben ihn. Und keine Partei kann es sich erlauben, diese Bürgerinnen und Bürger fremdländischer Herkunft nicht anzusprechen. Selbst bei den Flämischnationalisten findet man marokkanische Namen. Nicht nur pro forma. Sondern als Spitzenpolitikerinnen.

Wer weiss, wie die Schweiz am Abend des 9. Februars ausgesehen hätte, wenn die 900 000 Schweizerinnen und Schweizer ohne roten Pass mit einem roten Pass abgestimmt hätten. Vielleicht wäre es zum selben Resultat gekommen, vielleicht wäre es mit 19 000 Stimmen Unterschied gerade umgekehrt herausgekommen. Vielleicht wäre es aber auch ganz deutlich anders herausgekommen.

Wir wissen es nur, wenn wir es tun. Für alle, die mit einer Schweizerin oder einem Schweizer verheiratet sind, ist es sowieso kein Problem. Aber auch für all die, die einen Test machen müssen – und hier die Schule besucht haben und sogar, wenn sie in Staatskunde und Geschichte mit Note 6 abgeschlossen haben und es unwürdig finden, mit einem primitiven Test auf irgendein Bild der Schweiz getestet zu werden –, lohnt es sich, sich zu bewegen. Sonst wird man bewegt. Vielleicht auch unsanft. Siehe Einwanderungsinitiative. Den Test schaffen wir ohnehin. Wir wissen, dass wir auf die Frage nach des Schweizers liebster Speise im «Multiple Choice»-Bogen «Bratwurst mit Rösti» angeben müssen, auch wenn sie viel lieber Pizza essen.

Natürlich ist es schön, wenn uns die Caritas nach dem 9. Februar zuruft: «Liebe ausländische Mitbürgerinnen und Mitbürger». Aber wir sind es nicht. Politische Mitbürgerinnen und Mitbürger sind wir erst mit dem roten Pass. Holen wir ihn doch. Dann sind wir Schweizer mit Pass. Und reden mit. Bewegen wir uns – damit sich die Schweiz bewegt.
PS: Ich habs getan – und es ist gut so.

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