Der Kommentar: Als nach dem Arabischen Frühling die Despoten Nordafrikas von ihren Thronen stürzten, stieg in der Schweiz rasch die Nervosität: Gross war die Furcht, von jungen Männern auf der Suche nach Arbeit oder Sozialhilfe überrannt zu werden. Stellvertretend für viele Bürgerliche sagte der SVP-Nationalrat Peter Keller: «Mehrheitlich suchen keine Verfolgten Zuflucht in der Schweiz, sondern Wirtschaftsflüchtlinge, Glücksritter und Kriminelle.»

Inzwischen hat sich die Lage an Europas Südgrenze verändert. Auf die Boote, die von den Küsten Libyens und Ägyptens aufbrechen, pferchen sich immer mehr Vertriebene des blutigen Konflikts in Syrien. Statt der Glücksritter kommen Kriegsflüchtlinge, Schwangere und Kinder. Das sagen nicht irgendwelche Menschenrechtsaktivisten, sondern der Chef der italienischen Streitkräfte.

Ob diese Tatsache in Politik und Öffentlichkeit wahrgenommen wird, muss bezweifeln, wer in diesen Tagen die Leserkommentare auf den Schweizer Medienportalen liest. Als der «Tages-Anzeiger» am Montag einen Bericht über die Flüchtlinge aufschaltete, die am Bahnhof von Mailand strandeten, klangen die Reaktionen viel zu oft so wie jene der Leserin, die schrieb: «Das sind alles nur Wirtschaftsflüchtlinge! Lächerlich! Die Europäer sind einfach dumm und lassen sich einlullen.»

In der Pflicht stehen nun jene Politiker, die in den vergangenen Jahren den Asylmissbrauch thematisierten, präventive DNA-Tests forderten und in jedem Ankömmling zuerst einmal einen Kriminellen sahen – angeblich alles, um die Akzeptanz für echte, an Leib und Leben bedrohte Flüchtlinge hochzuhalten. Wenn diese Syrerinnen und Syrer keine echten Flüchtlinge sind, wer dann?

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