Politik ist der Kampf um Interessen. Die deutsche Regierung mit ihrem anständigen Finanzminister Wolfgang Schäuble hat die deutschen Interessen in dem Steuerabkommen durchgesetzt. Daran ist nichts auszusetzen. Wie aber steht es um die Interessen der Schweiz?

Es ist nicht in unserem Interesse, das Zielland deutscher Steuerbetrüger zu sein. Es ist aber auch nicht in unserem Interesse, dass keiner mehr sein Geld hierher bringt. Dann nämlich hätte der Finanzplatz mit heute über 100 000 Arbeitsplätzen keine Zukunft. Dann nämlich würden unsere Zinsen auf europäisches Niveau steigen, wie Ex-UBS-Chef Oswald Grübel gestern im «Tages-Anzeiger» prophezeite. Leider bewegen wir uns mit dem Abkommen mit Deutschland in diese Richtung. Siehe Frontseite der gestrigen «Handelszeitung».

Der Begriff «óasis» bedeutet im Griechischen «bewohnter Ort». Im Zusammenhang mit der Schweiz aber wird er zum Schimpfwort. Von den USA, von Deutschland, von der EU, von der OECD und seit dieser Woche auch vom Europarat wird uns unentwegt eingeredet, eine Steueroase sei etwas Verwerfliches. Das ist falsch: Die Schweiz soll und darf eine Steueroase sein – eine für ehrliche Menschen, die ihr Geld deklarieren. Daran ist nichts auszusetzen.

Die Schweiz ist unter den Steueroasen schon heute vergleichsweise weiss. Wir akzeptieren den berühmten OECD-Artikel 26, der Amtshilfe auch bei Steuerhinterziehung gewährt. Eine Studie der Weltbank vom Oktober 2011 listet auf, welche Länder die einfachsten Anreize bieten, um Schwarzgeld zu verstecken: Am schlimmsten sind die USA, gefolgt von den britischen Virgin Islands, Panama, Liechtenstein, den Bahamas und England. Erst weit hinten, auf Rang 20, folgt die Schweiz.
Wir sollten uns nicht dauernd ein schlechtes Gewissen einreden lassen. Sondern stolz auf unsere «óasis» sein.

Mehr Themen finden Sie in der gedruckten Ausgabe oder über E-Paper!