Es passierte etwas Unerwartetes: Erst sagte Naima, sie habe gar nie von einer Zwangsheirat gesprochen. Später unter-schrieb sie ein Papier, das besagt, sie habe die Geschichte erfunden. Der «Blick» sprach von einer erfundenen Geschichte. Doch war es rückblickend tatsächlich falsch, über den Fall zu berichten? Immerhin hat auch Naimas Lehrerin reagiert: Sie nahm die Hinweise ernst und alarmierte die Behörden.

Es gibt einen weiteren Fall mit einem dreizehnjährigen Mädchen, der vor zweieinhalb Jahren Aufsehen erregte: Es war von einer Massenvergewaltigung im zürcherischen Seebach die Rede. Auch damals schrieben die Medien darüber – allen voran der «Blick».

Im Nachhinein stellte sich heraus, dass «nur» zwei der dreizehn jungen Männer als Vergewaltiger verurteilt wurden, bei vier von ihnen gab es Erziehungsmassnahmen. Und laut einem Bericht der «Weltwoche» mussten bei sieben Ent-schädigungszahlungen geleistet werden. Haben hier die Behörden überreagiert?

Ich glaube kaum. Denn gerade weil sich Lehrer, Schul-leitungen und Behörden eingeschaltet hatten, konnte vielleicht eine Zwangsheirat der Solothurnerin verhindert werden. Und sollte doch alles erfunden sein, so war das Vorgehen dennoch richtig.

Im zweiten Fall ist auch schon eine einzige Vergewaltigung einer Dreizehnjährigen ein gravierendes Verbrechen. Und wenn es neben Verurteilungen auch zu Freisprüchen mit Entschädigungszahlungen kommt, dann zeigt das, dass der Rechtsstaat funktioniert.

Journalisten haben eine Wächterfunktion. In Naimas Fall hat der «Sonntag» klar darauf hingewiesen, dass die mögliche Zwangsheirat «nur» eine Drohung sein könnte. Das scheint sich zu bewahrheiten. Trotzdem ist es sicher falsch, so lange zu schweigen, bis man hinterher eine vollzogene Zwangs-heirat vermelden muss.