Der Kommentar: Es kommt in diesen Tagen selten vor, dass über einen Bankier – nicht Banker – mit Respekt, Sympathie, ja sogar Bewunderung geschrieben wird. Geschehen ist dies in den Nachrufen auf den Doyen des Zürcher Bankenplatzes, Hans Vontobel, der in sich so vieles vereinte, was eine glaubwürdige und allseits anerkannte Führungspersönlichkeit auszeichnet. Als «Citoyen», dem das Gemeinwohl am Herzen lag, wurde er gewürdigt, als Querdenker, Mäzen und Autorität mit Ecken und Kanten. Aber natürlich auch als vorausschauender Denker, der noch in einem letzten Essay 2015 schrieb: «Die Trennung von Liebgewonnenem ist vielleicht schmerzhaft. Doch der Verzicht auf Anpassungen, auf das Anstossen neuer Ideen, auf den Willen, sich immer wieder neu zu erfinden, ist der sichere Weg in den Niedergang.»

Damit bewies der beinahe 100-Jährige ein modernes Verständnis von «Leadership», das mit vielen Studien und Erfahrungswerten untermauert wird. Die Expertin für Führungsfragen bei der Boston Consulting Group, Roselinde Torres, beispielsweise erkennt fähige Unternehmensleiterinnen und -leiter an ihrer Wandlungsfähigkeit und stellt – wie Vontobel – die Frage: «Sind Sie als Führungsperson mutig genug, eine Vorgehensweise aufzugeben, die Sie in der Vergangenheit erfolgreich gemacht hat?»

Besonders identifizieren kann ich mich mit einem Satz von Vontobel, der – im Bewusstsein seiner privilegierten Stellung und aus einem typisch protestantischen Pflichtbewusstsein – auch mehrere Stiftungen gründete. «Geld», so schrieb er, «ist Mittel zum guten Zweck». Das sehe ich genauso. Darum engagieren wir uns mit der Müller-Möhl Foundation für den Wirtschafts- und Philanthropie-Standort Schweiz, für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf und vor allem für die Bildung. Denn eines ist klar: «Ruhm und Geld kann man jederzeit verlieren, nicht aber, was man im Kopf hat.»

Im Grunde dreht sich gute und glaubwürdige Führung immer um die Frage nach den Werten, die jemand verkörpert und auch lebt. Bill George, Professor an der Harvard Business School, Multi-Verwaltungsrat und ehemaliger CEO eines führenden Unternehmens der Medizinaltechnik, lehrt in seinem Buch «True North: Discover your authentic leadership» seine Leser, dass jede Person authentisch führen kann, wenn sie den Dreiklang aus einer klaren Wertehaltung, Leidenschaft und Motivation beherrscht. Nur wenn die Mitarbeiter verstehen, wo ich hin will und wie ich dieses Ziel erreichen möchte, nur wenn ich integer bin, nur wenn ich selber die Ansprüche erfülle, die ich auch an andere stelle, und nur, wenn ich Empathie und Mitgefühl zeige, werden sie mich als starke und vertrauenswürdige Autorität anerkennen.

Gerade in der sich stetig beschleunigenden Epoche der Social Media, in der – ob wir es wollen oder nicht – alles transparenter und öffentlicher wird, machen diese Faktoren den entscheidenden Unterschied aus. Das bestätigt eine Untersuchung von Professor Tom Tyler, der an der New York University doziert. Er stellte fest, dass Mitarbeiter dem Unternehmen gegenüber loyaler sind und mehr Verantwortung übernehmen, wenn sie die Werte, Regeln und das Verhalten ihres Managements als legitim erachten. Diese Treiber sind bei weitem wichtiger als der Lohn und werden künftig noch mehr darüber entscheiden, wer als Sieger aus dem Kampf um die besten Talente hervorgehen wird.

In der Politik dreht sich der Kampf eher um die besten Ideen. Gerade in der Zeit einer globalen Verunsicherung und des Zusammenbruchs von scheinbar unverrückbaren Gewissheiten suchen die Menschen nach Werten, mit denen sie sich identifizieren können. Wenn ich den aktuellen politischen Diskurs, gerade in der Frage der Migration, betrachte, dann verdrängt aber ein aggressiver Populismus genau jene Werte, die uns starkgemacht haben. Offenheit, Pragmatismus und der typisch schweizerische Gemeinsinn.

Es dominieren die wortgewaltigen Vereinfacher, es fehlen vorausschauende «Vollbringer», wie Hans Vontobel einer war. Er zeichnete sich dadurch aus, nicht nur ein Wertesystem zu predigen, sondern es auch vorzuleben. Er wird uns als Vorbild für gute Führung in Erinnerung bleiben.

Mehr Themen finden Sie in der gedruckten Ausgabe oder über E-Paper