Der Kommentar: In der Demokratie entscheidet die Mehrheit. Dies gilt selbstverständlich auch bei der Festlegung der Amts- und Schulsprache. In den einsprachigen Kantonen wirft dies kaum Fragen auf. So ist beispielsweise im Kanton Aargau Deutsch völlig unbestritten Amts- und Schulsprache. Am 18. Mai 2014 entscheiden die Aargauerinnen und Aargauer lediglich darüber, ob die Unterrichtssprache im Kindergarten die Mundart oder die Schriftsprache sein soll. Zulässig sind beide Varianten. Im Übrigen geniesst die lokal vorherrschende Sprache in Behörden und Schulen Vorrang vor ortsfremden Sprachen. Wer im Tessin lebt, muss seine Kinder in eine italienischsprachige Schule schicken und darf nicht auf eine englische Privatschule ausweichen. Es gilt das vom Bundesgericht stets hochgehaltene Territorialitätsprinzip.

Vor weitaus grösseren Herausforderungen stehen die mehrsprachigen Kantone, so auch das dreisprachige Graubünden. Bis in die jüngste Zeit gelang es, Konflikte in der Sprachenpolitik durch eine Verlagerung auf die Gemeindeebene zu umschiffen. Die Gemeinden entscheiden über die Amts- und Schulsprache. Die romanischen Gemeinden können zwischen dem jeweiligen regionalen Idiom und der Schriftsprache Rumantsch Grischun wählen.

Das Bild einer demokratisch heilen Sprachwelt hat unterdessen einige Risse. Die mehrheitlich deutschsprachige Bevölkerung legte für die kantonalen Behörden Rumantsch Grischun als Amtssprache fest. Vor allem aber ordnete der Grosse Rat 2003 in Form einer Sparmassnahme an, die romanischen Lehrmittel sollten fortan in Rumantsch Grischun erscheinen. Später schuf der Kanton finanzielle Anreize für die Gemeinden, Rumantsch Grischun als Schulsprache zu wählen. Nicht wenige Gemeinden gingen auf diesen – wie sich herausstellte kurzsichtigen – Deal ein.

Der Flurschaden für die fragile romanische Sprachgemeinschaft ist gross. Immerhin konnte mit den bewährten demokratischen Verfahren nun wieder ein gangbarer Weg gefunden werden. Ein wichtiger Punkt sind die Lehrmittel in den Idiomen. Radikallösungen wie eine kantonale Volksinitiative für die Einführung von Rumantsch Grischun als Schulsprache wurden glücklicherweise nicht weiterverfolgt. Es hätte der demokratisch fragwürdige Fall eintreten können, dass die Mehrheit über die Sprache der Minderheit entschieden hätte.

Die romanische Sprachgemeinschaft in ihrer Kleinheit und Eigenart wird von der rasant zunehmenden Mobilität der Menschen besonders stark erfasst. Viele Sprecher wohnen ausserhalb des traditionellen Sprachgebietes, viele Anderssprachige wohnen in romanischen Gemeinden. Romanische Gemeinden fusionieren mit deutschen Gemeinden, wie die Beispiele Ilanz/Glion und Albula/Alvra zeigen. Auch innerhalb des traditionellen Sprachgebiets verliert in der Folge das Territorialitätsprinzip seine wichtige Schutzfunktion. Das Rätoromanische ist in seinem Kernland bedroht. Gleichzeitig eröffnen sich neue Chancen. Das Modell zweisprachig (romanisch/deutsch) geführter Schulen in Chur, Domat/Ems und Ilanz/Glion weckt Hoffnung.

Die Debatte um die Schulsprache ist inzwischen in den einsprachigen Gebieten angekommen. Nachdem viele Kantone der Deutschschweiz zunächst das Englische anstelle des Französischen als erste Fremdsprache eingeführt hatten, bestehen nun Bestrebungen, das Französische ganz aus der Primarschule zu verbannen. In Graubünden droht dem Italienischen ein ähnliches Schicksal. Das freie demokratische Entscheidungsrecht gerät in Spannung zur verfassungsrechtlich verankerten Mehrsprachigkeit. Am Horizont droht Zwang, der eine staatspolitische Selbstverständlichkeit zur Geltung bringen soll.

Wie so oft führte die Harmonisierung eines Rechtsbereichs zu unerwünschten Nebeneffekten. Profitiert hat das Englische als ohnehin durchsetzungsfähigste Sprache. Die Regulierung soll nun durch neue Regulierungen korrigiert werden. Der Blick nach Graubünden mahnt jedoch zur Vorsicht. Die unterste staatliche Ebene der Gemeinden ist am Schluss wohl am besten geeignet, um Demokratie und Sprachpolitik in Einklang zu bringen.

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