Der Kommentar: Der Aufruhr in Basel ist verständlich, vor allem, wenn man bedenkt, dass diese Stadt einst vier profilierte Tageszeitungen kannte. 1977 gingen die rechtsliberalen «Basler Nachrichten» und die linksliberale «National-Zeitung» in der «Basler Zeitung» auf. 1992 verschwanden die katholisch-christlichsoziale «Nordschweiz» und die sozialdemokratische «Basler AZ». Jetzt will man sich die allein übrig gebliebene «Basler Zeitung» nicht dadurch nehmen lassen, dass sie durch Christoph Blocher für seine Politik instrumentalisiert wird. Doch ist derlei überhaupt zu befürchten?

Der Vorgang ist zunächst ganz harmlos: Ein Medienunternehmen will sich industriell beraten lassen, damit es den Turnaround schafft und wieder schwarze Zahlen schreibt. Es beauftragt die Firma Christoph Blochers, weil diese auf viel unternehmerische Erfahrung zurückgreifen kann. Nur: Wer im Zusammenhang mit publizistischen Medien Christoph Blocher ruft, ist entweder vollkommen naiv oder hegt heimlich andere Absichten.

Es ist bekannt, dass sich Christoph Blocher schon lange mit dem Gedanken trägt, eine nationale Tageszeitung zu lancieren, die das rechtspopulistische Gedankengut der Schweizerischen Volkspartei (SVP) verbreitet. Er hatte schon mal eine Tageszeitung unter seinen Fittichen: 1986 bis1996 fütterte er das defizitäre «Bündner Tagblatt» durch, um es schliesslich Hanspeter Lebrument zu verkaufen. Für Nationalrat Blocher war es damals aussichtslos, das nationale Projekt zu realisieren: Ein
defizitäres Blatt in Chur wäre dafür keine Basis gewesen.

Später hat die SVP gründlich durchgerechnet, was eine nationale Tageszeitung kosten würde, und kam zum Ergebnis, dass sie die Finger davon lässt. Inzwischen aber ist durch die Vorgänge in Basel eine völlig neue Ausgangslage entstanden: Im Februar 2010 hatte die Familie Hagemann die «Basler Zeitung» an den Financier Tito Tettamanti und den Basler Anwalt und Medienakteur Martin Wagner verkauft. Im September war Markus Somm, der in engem Kontakt zu Christoph Blocher steht, zum neuen Chefredaktor berufen worden. Schliesslich war das Beratungsmandat an die Blocher-Firma Robinvest gegangen.

Plötzlich schien Basel der Brückenkopf für die nationalkonservative Tageszeitung geworden zu sein. Der Name dafür – «National-Zeitung» – liegt ja in Basel bereit.
Und bereits geht ein Gespenst um in der Schweiz – das Gespenst von Berlusconi. Silvio Berlusconi, studierter Jurist und Bauunternehmer, hatte in Italien zuerst ein Medienimperium aufgebaut, bevor er 1994 in die Politik ging, die Partei Forza Italia gründete und Premierminister wurde. Christoph Blocher, Jurist und Unternehmer an der Spitze der Ems Chemie, ging zuerst in die Politik und war Parteiführer, Nationalrat, Bundesrat, bevor er allenfalls ein eigenes Medienimperium aufbaut. In beiden Fällen geht es um eine Symbiose von politischer Macht und Medienmacht.

Wie gross ist denn die Wahrscheinlichkeit, dass Blocher zum Medienzar wird? Betrachten wir drei Varianten:
Blocher übernimmt das Kommando in der «Basler Zeitung» und baut sie zu einem rechtspopulistischen Blatt um. Dies würde sich unter keinem Titel «lohnen»: Publizistisch ist es nicht nötig, denn Markus Somm ist ja als Chefredaktor schon da. Und unternehmerisch wäre es Selbstmord, an den Mehrheitsverhältnissen Basels vorbei nur noch eine relativ kleine Klientel zu bedienen.

Blocher lanciert von Basel aus unter dem Titel «National-Zeitung» ein nationales, in der Deutschschweiz verbreitetes Blatt, das sich ausschliesslich auf nationale Themen konzentriert. Dies würde bedeuten, dass es überall nur Zweitzeitung sein könnte. Und dies würde sich vermutlich in einer Zeit, in der die Presse generell an Strahlkraft verliert, weil sich das Publikum anderweitig informieren kann, wirtschaftlich nicht rechnen.

Blocher strebt von Basel aus Kooperationen an mit dem Ziel, ein Netzwerk von Zeitungen mit dem gleichen nationalen Mantel und mit starken Regionalteilen zu erhalten. Dazu braucht er aber andere Verleger, die erstens bereit sind, zu kooperieren oder zu verkaufen, und die sich zweitens auf ein nationalkonservatives Projekt einlassen. Im Visier sind die AZ Medien von Peter Wanner, die Südostschweiz-Mediengruppe von Hanspeter Lebrument, die «Schaffhauser Nachrichten» von Norbert Neininger und eventuell auch das «Bieler Tagblatt» von Marc Gassmann sowie der «Walliser Bote» von Ferdinand Mengis. Zurzeit sind diese aber nicht bereit, sich zu unterwerfen.
Dass Blocher gerne Medienmacht hätte, ist offensichtlich. Ob er aber die Möglichkeit dazu bekommt, ist absolut offen.


Die externen Kolumnisten und Kommentatoren des «Sonntags» äussern in ihren Beiträgen ihre persönliche Meinung.