Weniger Verbote, mehr Ansporn

Die Nachricht: Die Schweiz sieht sich als Land der Freiheit, als liberale Insel in Europa. Zugleich zeigen Umfragen, dass der Nationalstolz auf einem Rekordhoch ist. Wie beurteilt das ein Deutscher, der seit einigen Jahren in der Schweiz lebt?

Der Kommentar: Die Fahrzeuglenker in der Schweiz fahren im Allgemeinen rücksichtsvoller als diejenigen in der Auto-Nation Deutschland. Neben dem Bussgeldkatalog scheinen die vielfältigen Appelle an ihre Rücksichtnahme zu fruchten. Aber vielfach erscheint die Eidgenossenschaft als ein Land der gefühlten Verbotsflut. Sie mutet nicht geringer an als diejenige in meinem Geburtsland, dem ein hartnäckiges Untertanendenken nachgesagt wird. Das Vertrauen in Anweisungen und Verbote greift tief in das Denken und Handeln von Herrn und Frau Schweizer ein. Zum Beispiel in der Badi meiner Wahl. Der Besucher wird darauf hingewiesen, dass Alkohol und plastifizierte Badetücher auf der Liegewiese nichts zu suchen haben. Daneben ist das Fotografieren verboten – auch mit Handys, wie am Eingang vermerkt wird. Und über der Tür zur Herrengarderobe steht der wohlfeile Zusatz: «Kein Zutritt für Damen».

Nach einer Erhebung der amerikanischen Yale University im vergangenen Jahr ist die Schweiz im Schutz der Menschen vor Umweltschäden (immer noch) das sauberste Land der Welt. Das Urteil gilt auch im Kleinen. Ausländer bestätigen es immer wieder: Die Sauberkeit auf den Strassen, Feldern und in den Gewässern bildet ein Qualitätsmerkmal der Schweiz. Sie steht der immer wieder gerühmten Verlässlichkeit, Pünktlichkeit und Eigenverantwortung in nichts nach. Die sogenannten «Littering-Verbote» sind daher ein wichtiges Thema. Doch können sie auch durchgesetzt werden? In kleineren Gemeinden mit intakter Sozialstruktur mag dies gelingen, aber schon in den wuchernden Agglomerationen sieht die Lage anders aus, von den Innenstädten ganz zu schweigen.

Wohlgemerkt: Nichts gegen Verbote und Regeln im öffentlichen Raum. Aber die Behörden greifen nur zu gern danach. Sie sind Teil einer staatlichen Reglementierung, die immer weiter vorzudringen scheint. Emsige Parlamentarier und zielgerichtete Lobbyisten mögen sich darin tummeln, die Bürger jedoch werden letztlich entmündigt. Der Ökonom Silvio Borner spricht von einer «Verdichtung der Bevormundung» hierzulande. Nach einer Erhebung der liberalen Denkfabrik Avenir Suisse wucherte die Zahl der Bundeserlasse seit der Jahrtausendwende von rund 3000 Seiten im Jahr auf inzwischen mehr als 6000. Ein Wahnsinn.

Die Schweiz ist kein autoritärer Stadtstaat wie Singapur. Den «Ordnungshütern» sind Grenzen gesetzt. Aber wenn sich Anweisungen und Verbote nicht durchsetzen lassen, leiden am Ende die staatlichen Autoritäten. Die Behörden werden zur Lachnummer. Autolenker zahlen saftige Bussen, wenn sie die Verkehrsregeln verletzen. Bei Velofahrern scheint dies viel weniger zu funktionieren. Die Regelwerke gerinnen zu toten Buchstaben.

Was kann man dagegen tun? Aus der Jugendpsychologie und Arbeitsplatzforschung weiss man, dass Ansporn oftmals mehr zu bewegen vermag als ein Verbot. Der Fantasie für Motivationskataloge sind keine Grenzen gesetzt. Warum nicht ein Kämpfer gegen Bürokratie und Behördenwillkür als nächster «Schweizer des Jahres» oder anders Ausgezeichneten? Warum nicht Kampagnen unter dem Motto «Die Schweiz ist super. Wir kümmern uns drum», mit der die Kantone besondere Initiativen von Vereinen und anderen Organisationen würdigen? Wären bekannte Sportler und Popstars für Appelle zu gewinnen, zum Beispiel mit dem Slogan «Abfall ist Mist»? Auch Politiker könnten auftreten, aber bitte keine Law-and-Order-Leute, sondern zum Beispiel Vertreter der Jungparteien.

Laut «Sorgenbarometer 2014» der Credit Suisse liegt der Nationalstolz auf einem Rekordhoch; die wachsende Beliebtheit der Schwingfeste weist in diese Richtung. Daraus sollte sich Nutzen ziehen lassen. Gefragt ist eine dichtere Infrastruktur des Bürgersinns. Oft reichen dafür kleine Taten. Man weiss zum Beispiel, dass Müll rasch weiteren Müll anzieht. Die Hemmschwelle der Wegwerfgesellschaft sinkt in solchen Fällen noch weiter. Vielleicht sollte man sich daher einfach einmal bücken und die von anderen weggeworfene Cola-Dose oder Plastiktüte selbst in den nächsten Abfallbehälter werfen. Das klingt simpel, könnte aber andere dazu veranlassen, es ebenfalls zu tun. Das Handeln eines jeden in einer verantwortungsbewussten Bürgergesellschaft vermag es, die Verbotsflut einzudämmen.

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