In meiner Generation weiss jeder, wo er war, als sich damals die Welt veränderte. Ich war 20, arbeitete bei einer kleinen Radiostation und tippte einen Satz in die Brother-Schreibmaschine, den ich nie mehr vergessen habe: «Die Tore in der Mauer stehen weit offen.»

Heute kann ich zugeben, dass ich diesen Satz in Ermangelung anderer Quellen von einer Legende übernommen habe – von Hanns Joachim Friedrichs, der die Worte in den ARD-«Tagesthemen» sprach.

Axel Berg war in diesen bewegten Tagen im UNO-Gebäude in New York. Heute ist er einer von 250000 Deutschen in der Schweiz und als Botschafter sozusagen ihr Pressesprecher. «Ich habe die Schweiz nicht als Ruheposten begriffen», sagt er im grossen Interview mit dem «Sonntag» (Seiten 13/14).

Es gab denn auch für Berg kaum Momente der Ruhe, als er vor zwei Jahren in Bern seinen Posten antrat: Steuer- und Fluglärmstreit, dazwischen Kavallerie- und Indianer-Diskussionen bis hin zur Frage auf dem Boulevard: «Wie viel Deutsche verträgt die Schweiz?» Diplomat Berg hat in dieser Zeit jede Einladung angenommen und sich der Debatte gestellt.

Er hat seinen Anteil daran, dass die Beziehungen zwischen der Schweiz und Deutschland «zu ihrer alten Intensität und Qualität zurückgefunden haben», wie er sagt. Deutsche und Schweizer haben gelernt, zu abstrahieren zwischen einheimischen Scharfmachern (Mörgeli) und deutschen Miesmachern (Steinbrück).

Die Stimmung ist besser geworden und es gibt weniger Ressentiments. Einverstanden, die Sprüche werden wohl bleiben, und Willy Brandts historischer Kommentar zur Maueröffnung wird in unserem Fall nie eintreffen («Jetzt wächst zusammen, was zusammengehört»). Wir gehören nicht zusammen, aber irgendwie mögen wir uns halt doch. Auch diese Mauer brauchen wir nicht.