Der Kommentar: Es gilt als ungeschriebenes Gesetz in der Diplomatie, dass man den Präsidenten der Vereinigten Staaten nicht auf fremdem Boden kritisiert. Sie können mich lieben oder hassen, Sie können Amerikaner lieben oder hassen, das ändert nichts an der Tatsache, dass die Wahl des Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika von weltweiter Bedeutung ist … Lassen Sie uns einfach darüber sprechen. Was zur Hölle ist da drüben in Amerika eigentlich los?

In den USA gibt es zwei grosse Parteien, die Demokraten und die Republikaner. Letztere wird oft auch GOP (Grand Old Party) genannt. Dann gibt es immer mal wieder unabhängige Kandidaten, die in dem einen oder anderen Wahljahr auftauchen – keiner der unabhängigen Kandidaten wurde je zum US-Präsidenten gewählt. Ich gehöre zu den sogenannten Wechselwählerinnen, ich habe mich nie an eine einzige Partei gehängt. Ich habe zum Beispiel so gewählt: Bush (Republikaner), Perot (unabhängig), Clinton (Demokrat), Bush (Republikaner), nochmals Bush, dann eine ausgelassene Wahl, Obama (Demokrat).
Dass sich hier mehr Republikaner als Demokraten finden, liegt daran, dass mein Vater der Bush-Familie nahe stand. Aber meist tendierte ich nach acht Jahren dann wieder zu der anderen Partei. Insofern überrascht es nicht wirklich, dass die US-Wähler nach einem Präsidenten, der zweimal gewählt wurde, bei der nächsten Wahl tendenziell eher die Gegenpartei wählen. Die USA hatten acht Jahre lang einen Präsidenten Obama, deswegen geht man allgemein davon aus, dass das amerikanische Volk nun einen Republikaner wählen wird.

Atmen Sie einmal tief durch … jetzt kommt ein Zahlenspiel: Seit dem Jahr 1856 gab es 16 Präsidentschaftswahlen, in denen sich der seinerzeit amtierende Präsident bereits in seiner zweiten Amtsperiode befand. Und in elf dieser Wahlkämpfe wählte das amerikanische Volk die Gegenpartei an die Macht.
Das hat damit zu tun, dass der 22. Zusatzartikel zur Verfassung der Vereinigten Staaten festlegt: «Niemand darf mehr als zweimal zum Präsidenten gewählt werden.» Dieses Gesetz wurde erlassen, nachdem Präsident Franklin D. Roosevelt im Zeitraum von 1933 bis 1945 nach der grossen Depression und während des Zweiten Weltkrieges bis zu seinem Tod insgesamt vier Amtszeiten durchlaufen hatte.
Und was war mit den übrigen fünf Malen, in denen die Regierungspartei an der Macht blieb? Abraham Lincoln wurde 1865 umgebracht, Roosevelt war wie erwähnt viermal Präsident und starb in der Amtszeit. Und John F. Kennedy wurde, wie wir uns alle durch unsere Eltern und Grosseltern sehr gut erinnern, ermordet.

In diesem bedrückenden Sinne würde ich nicht unbedingt darauf wetten, dass dieses Jahr kein republikanischer Präsident gewählt wird. Ich habe damit auch kein grosses Problem, da es irgendwie der natürliche Lauf der Dinge zu sein scheint – einfach das Auf und Ab unserer amerikanischen Volksseele: raus mit dem Alten, rein mit dem Neuen. Allerdings hiesse das folglich auch, dass ich Donald J. Trump bekäme. Erklärt das vielleicht das Unerklärbare?
Ja, das ist für mich die einzige vernünftige Erklärung dafür, dass Trump die Nation als Kandidat der Republikaner im Sturm erobert, egal, was er sagt oder tut. Er hatte am Anfang nicht die stärkste Stimme, dafür die lauteste. Und er hat diese typisch unverfrorene amerikanische Art, die man lieben oder hassen kann.

Zum Glück haben die USA ein Zwei-Parteien-System, das normalerweise für Ausgeglichenheit und Stabilität sorgt. Das Land scheint geteilt wie immer, und die Wahl des US-Präsidenten entscheidet sich in den heiss umkämpften Bundesstaaten Ohio, Colorado, Iowa, Nevada, New Hampshire, den diversen Virginia-Staaten und Florida. Vielleicht fällt Ihnen aus Ihrem Geschichtsbuch wieder ein, dass Bush in Florida Al Gore, den ehemaligen Vizepräsidenten der Clinton-Regierung, nur ganz knapp geschlagen hat. Wenn Sie den Ausdruck «hanging chad guy» bis jetzt noch nicht gegoogelt haben, lassen Sie alles stehen und liegen, und holen Sie das jetzt sofort nach. Das sind die Leute, die den Präsidenten der Vereinigten Staaten wählen, und so ist das eben …
Der durchschnittliche US-Bürger hat keine Ahnung von der Geschichte der Präsidentschaftswahlen. Normalerweise wählen Kinder die Partei, die ihre Eltern gewählt haben. Arbeiter wählen die Demokraten und die Besserverdienenden wählen die GOP. Wir alle kennen die Stereotypen. Der hinterwäldlerische Texaner ist republikanisch, New Yorker Juden sind Demokraten. Aber es gab auch Situationen, in denen Demokraten durchaus mit Republikanern übereinstimmten, zum Beispiel als Ronald Reagan die Berliner Mauer niederriss – da haben wir alle gejubelt. Und als John F. Kennedy sagte «Ich bin ein Berliner», schwoll auch den Republikanern das Herz. Sind wir hier also etwa bei Shakespeare – Much to do about nothing? Viel Lärm um nichts?

Und nun also wird Donald J. Trump Kandidat der Republikaner für die US-Präsidentschaftswahl werden. Die Delegierten wissen, dass Trump sich widerspricht – aber weiss die Republikanische Partei auch, dass sie dasselbe tut? Vielleicht senden die Delegierten eine starke Botschaft an die Republikanische Partei: Dass sie gemässigter werden und den Frauen das Recht auf Selbstbestimmung zugestehen müsse, dass sie die Homo-Ehe unterstützen, die Waffengesetze unter die Lupe nehmen und Nichtgläubige (Atheisten) mit offenen Armen empfangen müsse. Die Zeiten ändern sich, die Republikanische Partei sollte es ebenfalls tun.

Ansonsten freue ich mich darauf, mich zurückzulehnen und zu schauen, wie sich das alles entwickelt. Ich will abwarten und sehen, wo das Ganze hinführt. Erst dann entscheide ich, wer für mich der nächste US-Präsident sein soll.
Oh, die ungeschriebene diplomatische Regel, die ich ganz am Anfang erwähnte ...
Ich schätze mal, ich werde euch im November, von fremdem Territorium aus, noch nicht mit Kritik an einem US-Präsidenten dienen können. Aber ich werde Kritik an der Republikanischen Partei üben können. Bleibt dran!

Mehr Themen finden Sie in der gedruckten Ausgabe oder über E-Paper