Der Kommentar: Der Pfarrer von Bürglen, Wendelin Bucheli, segnet ein lesbisches Paar. Vitus Huonder, sein Bischof, findet das gar nicht gut. Auf der katholischen Theaterbühne stehen einmal mehr zwei diametral entgegengesetzte Akteure. Der eine markiert den Bösen, der andere verkörpert die reine Sympathie. Landesweit verfolgen Tausende die Szene. Das Spiel auf der Bühne ist spannend. Wer gewinnt? Wer geht unter?

Hinter allem Pro und Kontra erhebt sich eine Frage von grundlegender Bedeutung: Wer entscheidet letztlich, was im Sinne Jesu von Nazareth zu glauben ist? Wer ist im Besitz der Definitionsmacht? Der Papst? Ein Konzil? Eine regionale Bischofssynode? Eine Kirchgemeinde? Oder jede einzelne Person, die sich an Jesus orientiert? Bischof Huonder pocht darauf, er habe die römisch-katholische Lehre auf seiner Seite. Die Trauung eines lesbischen Paares sei schon gar nicht erlaubt. Eine Segnung komme aber einer Trauung sehr nahe und könne Verwirrung stiften. Der Pfarrer von Bürglen setzt auf das Wohl von Menschen. Jede Liebesgemeinschaft verdiene den göttlichen Segen, argumentiert er.

Die entscheidende Frage, die der Fall Bürglen erneut in die Öffentlichkeit trägt, lautet: Wer kann mit Sicherheit wissen, wie Jesus von Nazareth eine anstehende Frage des 21. Jahrhunderts beantworten würde? Wer darf behaupten, im Sinne Jesu einen Sachverhalt zu beurteilen und zu entscheiden? Im aktuellen Fall: Pfarrer Bucheli oder Bischof Huonder? So viel man wissen kann, hat sich der Mann aus Nazareth nirgends zu einer lesbischen Segnung geäussert. Also bleiben lediglich Vermutungen. Wenn aber keine sicheren Handlungsanweisungen des Meisters aus Nazareth vorliegen, wie kann dann jemand für sich reklamieren, richtig zu liegen, und eine andere Einschätzung für falsch erklären?

Die reformierte Kirche scheint dieses Problem gelöst zu haben. Martin Luther liess sich vom Papst nicht länger vorschreiben, was er als Christ zu glauben habe. Der Mönch aus Wittenberg lehrte, die Bibel allein sei Massstab dafür, was im Sinne des Nazareners zu gelten hat. Solus Christus und sola scriptura schleuderte er Rom entgegen, allein Christus und allein die Bibel. Allein, damit hat der Reformator das Problem nicht gelöst. Er verschob die Definitionsmacht bloss vom Papst auf die Bibel. Doch wer deutet richtig, was darin steht? Die Schrift der Christen ist keine eindeutige Richtschnur zur Lösung von Problemen jeglicher Jahrhunderte. Die Forschungsresultate der Aufklärung erhalten weitreichende Zustimmung. Die Bibel beweist nur, dass es den Glauben an einen gewissen Jesus gegeben hat, nicht aber die Existenz Jesu. Von ihm kann man einzig mit einiger Sicherheit annehmen, dass er Gott verehrte und sich für gesellschaftliche Gerechtigkeit einsetzte. Mehr gehört ins Reich des Glaubens.

Die Lösung des Falls Bürglen liegt in Gotthold Ephraim Lessings «Ringparabel». Lessing erzählt, ein Ring sei über viele Generationen jeweils vom Vater an den meistgeliebten Sohn vererbt worden. Nun hatte ein Vater drei Söhne, die er gleichermassen liebte. Er liess daher zwei weitere Ringe anfertigen. Nun wussten die Erben nicht mehr, welcher der echte Ring war. Dieser ursprüngliche Ring symbolisiert Jesus. Entsprechend ist niemand berechtigt, ihn einzig richtig zu deuten. Das tun nur Fundamentalisten. Was sie anrichten, wird uns täglich vor Augen geführt. Folgerichtig darf kein Christ, welcher Konfession auch immer, behaupten, mit Sicherheit zu wissen, wie Jesus in einem konkreten gesellschaftlichen Problem – wie etwa der Segnung eines lesbischen Paares – entschieden hätte.

Kommt dieser Befund einer Absage an jegliche Hierarchie gleich? An eine lehramtliche sehr wohl, an eine seelsorgliche keineswegs. Es darf in keiner kirchlichen Glaubensgemeinschaft Autoritäten geben, die ihre vermeintlich Untergebenen dazu verpflichten, die persönlich gefärbte Jesus-Deutung der Hierarchie zu übernehmen. Ein Bischof aber, der sein Amt einfühlsam, Mut zusprechend und ohne hierarchische Allüren lebt, wird hoch willkommen sein.

In der Erzählung der «Ringparabel» bemühen sich die drei Söhne, den echten Ring zu finden. Dieser zeigt sich dort als das ursprünglich richtige Schmuckstück, wo ihn der betreffende Träger zum Glänzen bringt. Das geschieht allerdings wechselseitig. Mal ist der eine Sohn mit seinen überzeugenden Taten näher am wahren Ring, mal der andere.

Bürglen und alle zukünftigen Konflikte zwischen der katholischer Hierarchie und der Basis haben eine Chance, wenn sie auf dem Hintergrund des Bewusstseins und der Weisheit der Aufklärung angegangen werden.


* Josef Hochstrasser ist reformierter Pfarrer und Religionslehrer aus Luzern. Wegen der Liebe zu einer Frau konvertierte er vom katholischen zum reformierten Glauben. Er schrieb die Biografie über seinen Freund, Ex-Nati-Trainer Ottmar Hitzfeld.

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