Die Nachricht: Der verheerende Terroranschlag auf den Flughafen Brüssel wirft ein weiteres Mal die Frage über die Sicherheit auf den Flughäfen und bei den Fluglinien auf.

Der Kommentar: Von Israel kann die Welt bezüglich Sicherheitskonzepte viel lernen. Kein Land ist mehr terroristischen Bedrohungen ausgesetzt, und kein Flughafen sieht sich mehr solcher Bedrohungen konfrontiert, als der Airport Ben Gurion in Tel Aviv. Ein grosser Teil des Sicherheitsprotokolls basiert auf einer Kombination umfassender Prüfverfahren, gesundem Menschenverstand und Einheitlichkeit — man sollte meinen, dass alle Flughafenbehörden weltweit diese Zielvorgaben hätten. Doch nur sehr wenige haben den Grad an Sicherheit erreicht, den Ben Gurion bietet.

Alle Fahrzeuge, die hier eintreffen, müssen zunächst eine Vorab-Sicherheitsüberprüfung passieren. Hier durchsuchen bewaffnete Wachleute das Fahrzeug und wechseln ein paar Worte mit dem Fahrer und den Insassen, um ihre Stimmung und ihre Absichten auszuloten. Beamte in Zivil patrouillieren ausserhalb der Abflughalle. Sie werden von hochmodernen, verborgenen Überwachungskameras rund um die Uhr unterstützt. Bewaffnetes Sicherheitspersonal patrouilliert im Flughafengebäude und behält Personen, die das Gebäude betreten, genau im Auge. Verdächtig oder ängstlich wirkende Personen werden vom Sicherheitspersonal angesprochen und in ein Gespräch verwickelt, um ihre Absichten und ihre Stimmung einschätzen zu können. Fahrzeuge werden einer Gewichtsprüfung, der Durchleuchtung des Kofferraums und einer Untersuchung des Fahrgestells unterzogen.

Abreisende Passagiere werden von Sicherheitsbeamten befragt, bevor sie den Check-in-Schalter erreichen. Diese Befragung kann nur eine Minute oder eine ganze Stunde dauern, abhängig von Faktoren wie Alter, Rasse, Religion und Reiseziel. Anders als in vielen westlichen Flughäfen müssen Passagiere bei der Durchsuchung nicht die Schuhe ausziehen. Es gibt des Weiteren auch keine ausgefeilten Durchleuchtungsgeräte; stattdessen werden immer noch traditionelle Metalldetektoren eingesetzt.

Raphael Ron, früherer Sicherheitsdirektor am Ben Gurion, bezeichnet das passagier-orientierte Sicherheitssystem als «stärker auf den Faktor Mensch fokussiert». Es gehe davon aus, dass Terroranschläge von Menschen ausgeführt werden, die mit dieser einfachen, aber effektiven Sicherheitsmethodik gefunden werden können und auch bereits gestoppt worden sind. Den Behörden steht allerdings auch ein breites Spektrum an Ausstattung und Technologie zur Verfügung, um jeden potenziellen Terroranschlag zu unterbinden. So wird das aufgegebene Gepäck beispielsweise in eine Druckkammer gebracht, um mögliche Explosivvorrichtungen auszulösen, und auf dem Gelände des Airports patrouillieren Roboter.

Der Flughafen Ben Gurion beauftragt keine privaten Subunternehmen mit Sicherheitsaufgaben. Das eingesetzte Personal besteht aus hochqualifizierten Armeeabsolventen, die besondere Fähigkeiten in Ermittlung und Befragung besitzen. Sie überlassen nichts dem Zufall und können die kleinsten Einzelheiten unter Beobachtung nehmen. Die Beamten betrachten die Sicherheit der Passagiere als eine Abfolge «konzentrischer» Kreise, wobei die Prüfintensität immer mehr zunimmt, je näher die Einzelperson dem Flugzeug kommt. Das Personal überwacht auch die Teile des Flughafens genau, die nicht von Passagieren aufgesucht werden, etwa die Umzäunungen an den Geländegrenzen des Flughafens, die jederzeit durch Kameras überwacht werden. Zusätzlich werden Radarsysteme eingesetzt, die nach Eindringlingen Ausschau halten, wenn aufgrund des Wetters die Kameras nicht effizient arbeiten können.

Auch Ben Gurion hat mit einigen Versäumnissen im Sicherheitsbereich zu tun gehabt. Im November 2002 gelang es einem Passagier, mit einem Taschenmesser durch die Sicherheitskontrollen zu kommen. Er versuchte, das Cockpit einer Maschine der El AL auf dem Weg von Tel Aviv nach Istanbul zu stürmen. Es gab keine Verletzten und der Angreifer wurde von Flight Marshals an Bord überwältigt. Dennoch wurde der Airport danach für einige Zeit geschlossen. Der Angreifer war ein israelischer Araber.

Die Konzentration der Israelis auf den Faktor Mensch ist natürlich nicht unfehlbar. Das Ergebnis könnte sein, dass Ben Gurion gegenüber einem Angriff eines desillusionierten israelischen Bürgers verwundbarer ist. Wenn ein Terrornetzwerk es fertigbrächte, israelische Bürger zu rekrutieren und auszubilden, könnten diese den strikten Sicherheitsmassnahmen leichter entgehen. Aber die Palette der Methoden, die am Ben Gurion angewandt werden, hat sich bei der Verhinderung von Terroranschlägen als äusserst effizient erwiesen. Viele Sicherheits- und Terrorismusexperten sind dennoch der Ansicht, dass die Sicherheit noch gesteigert werden könnte. Die Israeli haben die Bedenken von Bürgerrechtsbewegungen und Wissenschaftern berücksichtigt und Technologien entwickelt, die Besorgnisse hinsichtlich einer Ungleichbehandlung nach ethnischen Kriterien besänftigen sollen. Deshalb werden innovative Check-in-Automaten eingesetzt.

Viele Flughafenbehörden haben weltweit versucht, sich die Erkenntnisse der Israelis bei der Flughafensicherheit zunutze zu machen, aber keine setzt die ganze Palette der verfügbaren Werkzeuge ein. Letzten Endes bestimmen stets beschränkte finanzielle und personelle Mittel sowie die jeweils bevorzugten Methoden, wie gründlich oder unzureichend Sicherheitsprotokolle sein können. Wenn mehr Flughafenbetreiber der Herangehensweise des Ben Gurion folgen würden, würde es denen, die Schaden anrichten wollen, sicherlich immer schwerer gelingen. Vieles spricht dafür, bei der Flughafensicherheit mehr auf Augenkontakt, Verhaltenshinweise und Instinkt zu setzen, doch nur wenige Fluglinien oder Airports haben dies als Standardprozeduren in ihre Sicherheitsprotokolle aufgenommen.

El AL ist darüber hinaus die einzige Fluglinie, die routinemässig Waschräume in den Cockpits ihrer Flugzeuge installiert, sodass Piloten das Cockpit nicht mehr verlassen müssen. Im Nachgang der Germanwings-Tragödie sollte man denken, dass dies für Fluglinien in aller Welt zum Standard werden sollte.

Die Tragödie in Brüssel sollte uns zumindest klarmachen, dass Angriffe dieser Art bedauerlicherweise in Zukunft noch häufiger geschehen werden. Solange nicht weltweit bereits am Eingang von Flughafenterminals Kontrolleinrichtungen installiert werden, wird es für einen Terroristen weiterhin einfach sein, hineinzumarschieren und eine Bombe zu zünden.

Regierungen, Flughafenbehörden und Fluglinien sollte bewusst sein, dass noch mehr Geld und Ressourcen in eine deutliche Verbesserung von Sicherheitsprotokollen fliessen müssen. Ebenso wichtig ist es, dass die Flugpassagiere sich klarmachen, dass die Tage vermutlich gezählt sind, da man einen Flughafen einfach so betreten konnte, ohne jede Art von Sicherheitskontrolle vor dem Terminal. Statt uns über mögliche Unbequemlichkeiten zu beklagen, sollten wir alle Massnahmen, die für unsere Sicherheit sorgen, positiv annehmen.


*Daniel Wagner ist CEO der US-amerikanischen Sicherheitsfirma Country Risk Solutions und Autor des Buches «Global Risk Agility and Decision Making».

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