Damals gingen 73 Prozent der 18- bis 29-Jährigen an die Urne. Die Abstimmung über die Masseneinwanderungsinitiative vor zwei Monaten war gewiss weniger wichtig als die EWR-Vorlage, aber fast ebenso emotional. Doch diesmal nutzten in dieser Altersgruppe gerade noch 17 Prozent ihr Stimmrecht. In den letzten zwei Jahren gab es sogar Abstimmungen, an denen sich nur 10 Prozent beteiligten: so bei der doch so populären Abzocker-Initiative.

Innerhalb von einer Generation hat sich die Jugend schleichend aus der Politik verabschiedet. Und die Parteien scheinen das Ausmass des «Streiks» ebenso wenig bemerkt zu haben wie die Medien. Erst jetzt, nach der Abstimmung vom 9. Februar über die Einwanderungsinitiative, wird die Stimmabsenz der Jugend zum Thema. Denn diese soll «schuld» sein am 50,3-prozentigen Volks-Ja, wie «20 Minuten» titelte. Wobei «schuld» eine bizarre Wertung impliziert: Ist denn am 9. Februar etwas Illegales passiert? Und wer sagt, dass die zu Hause gebliebenen Jugendlichen wirklich Nein gestimmt hätten?

In einem elitären Demokratieverständnis wird eine tiefe Stimmbeteiligung sogar begrüsst. Schriftsteller Thomas Hürlimann kommentierte nach dem Volks-Ja vom 9. Februar in der «FAZ»: «Die schweizerische Demokratie funktioniert, wenn es bei Volksabstimmungen nur eine relativ geringe Beteiligung gibt. Denn dann gehen vor allem die politisch Informierten an die Urne. Kluge Resultate sind die Folge.» Hürlimann bezog sich auf die (mit Ausnahme der Jungen) hohe Stimmbeteiligung und kritisierte den Volksentscheid. Hürlimann wird sich bestätigt gefühlt haben, als er die Vox-Abstimmungsanalyse las: Ja zur SVP-Initiative sagten vor allem Bürger mit einfacher Ausbildung und tiefem Einkommen. Die «Dummen» und die «Armen», wie auf Twitter zynisch kommentiert wurde. Wer so denkt, verachtet die direkte Demokratie.

Statt Bürger zu beschimpfen, statt die Jugendlichen zu beschuldigen, sollten sich Politiker, Parteien, Schulen und ja, auch wir Medien vielmehr fragen: Was haben wir in den letzten zehn Jahren, als die Stimmerosion begann, falsch gemacht? Wie können wir die Jugendlichen dafür gewinnen, ihre demokratischen Rechte wahrzunehmen? Rechte, um die man die Schweiz in so vielen Ländern beneidet? Den Trend einfach weiterlaufen zu lassen, das geht nicht. Sonst schafft sich die Demokratie selbst ab.

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