Die Nachricht: Am letzten Dienstag wurde weltweit der Tag der Frau begangen. Welche Erfolge gibt es zu feiern? Oder lauern am Horizont bereits neue Gefahren?

Der Kommentar: Am 19. März 1911 fand der erste Internationale Frauentag statt. Auch in der Schweiz. Am Anfang dieses weltweiten Tages der Frauenrechte stand die sozialistische Partei Amerikas, die zwei Jahre davor den ersten «Kampftag» für das Frauen- wahlrecht organisierte. Inzwischen findet am Tag der Frau eine bunte Palette an Veranstaltungen statt. Frau hat die Wahl: Soll es ein Marsch, ein Diskussionspodium oder doch lieber eine Benefiz-Modeschau, eine Vernissage oder Filmpremiere sein? Im Vergleich zu vor hundert Jahren müssen sich Frauen heute nicht mehr auf öffentlichen Plätzen anketten, Fensterscheiben einwerfen und Sprengsätze zünden wie im aktuellen Kinofilm «Souffragette», einem Drama über die geschichtsverändernden Anfänge der Frauenrechtsbewegung in Grossbritannien zu Beginn des 20. Jahrhunderts. In unseren Breitengraden ist das Frauenstimm- und Wahlrecht im Gesetz verankert, Frauen haben die freie Berufswahl und sie haben gleiche Bildungschancen.

So sind an den universitären Hochschulen der Schweiz die Frauen mittlerweile in der Mehrheit, und auf dem Arbeitsmarkt stimmen die Zahlen ebenfalls positiv. Aktuell sind 63 Prozent der weiblichen Bevölkerung ab 15 Jahren erwerbstätig oder auf Stellensuche. Tendenz steigend. Bei den Männern sind es 75 Prozent. Doch trotz vieler Fortschritte dürfen wir uns nicht auf den Lorbeeren ausruhen, denn es gibt noch viel Raum nach oben. Während Studentinnen in den Geistes- und Sozialwissenschaften über zwei Drittel der Studierenden ausmachen, beträgt ihr Anteil in der Informatik gerade einmal 14 Prozent. Und auch in anderen naturwissenschaftlichen sowie technischen Fächern bleibt der Frauenanteil tief.

Ferner zeigt sich auf dem Arbeitsmarkt bei genauerem Hinsehen ein getrübteres Bild. Sobald Frauen älter als 25 Jahre sind, fällt ihre Erwerbsquote deutlich hinter jene der Männer zurück, und sechs von zehn Frauen arbeiten Teilzeit. Häufig bedeutet eine Teilzeitbeschäftigung ungesicherte Arbeitsverhältnisse, schlechtere soziale Absicherung sowie geringere Weiterbildungsmöglichkeiten und Karrierechancen. Zu den klassischen Frauenberufen gehören Verkaufs- und Büroarbeiten. Mehr als 70 Prozent der Stellen werden in diesen Branchen von Frauen besetzt. Genau diese Stellen sind es aber, die gemäss einer Studie der Universität Oxford in Zukunft unter Druck geraten. Durch die Digitalisierung und der damit einhergehenden vierten industriellen Revolution werden in 20 Jahren, so die Autoren, fast die Hälfte der heutigen Arbeitsplätze in den USA verschwunden sein. An ihre Stelle treten Computer.

Experten des World Economic Forums gehen ebenfalls davon aus, dass die Digitalisierung Millionen von Jobs kosten wird. Alle Branchen und Länder sind betroffen, insbesondere aber die typischen Frauenberufe – wie eben im kaufmännischen Bereich oder Detailhandel. Die düstere Vorhersage: Die vierte industrielle Revolution wird das Erwerbsleben von Frauen zum Nachteil verändern, weil Frauen in technischen Berufen untervertreten sind. Sie laufen Gefahr, in Zukunft ihre Stelle zu verlieren.

Aber es gibt auch positive Stimmen. Diese fokussieren auf die Chancen, welche die Digitalisierung den Frauen eröffnen: In der Industrie 4.0 wird die Arbeit komplexer und verlangt nach kollektiv vernetzten Strukturen und geteiltem Wissen. Neue Kompetenzen sind gefordert, Karrierewege verändern sich und verlaufen nicht mehr linear. Dank Computer, iPad und Handy ist man jederzeit und überall erreichbar. Immer mehr Arbeitgeber ermöglichen durch neue technische Lösungen Homeoffice und flexible Arbeitszeiten. Davon könnten gerade Frauen profitieren.

Was die Zukunft bringen wird? Ich habe keine Kristallkugel. Eines aber ist klar: Ob die Digitalisierung nun zum Vor- oder Nachteil der Frau ausfällt, die Zukunft liegt in den Händen der Frauen selbst. Die wichtigste Voraussetzung für die Karriere der Frau ist und bleibt ihr Wille dazu. Denn die Frauenbewegung des 20. Jahrhunderts hat uns eines gelehrt: Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg. Ich rufe deshalb alle Frauen dazu auf, keine Berührungsängste zu haben und sich auch in sogenannte Männerdomänen zu wagen. Wenn ich eine Tochter hätte, würde ich ihr raten, sich für Technik und Naturwissenschaften zu begeistern. Die ETH meldet auf jeden Fall «so viele Studentinnen wie nie zuvor». Rüsten wir uns für die Zukunft!

* Carolina Müller-Möhl ist Unternehmerin und Philanthropin und wohnt im Kanton Zürich. Die Müller-Möhl-Foundation fokussiert auf drei Themen: Bildung, die Vereinbarkeit von Beruf und Familie sowie Standortförderung.

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