Die Nachricht: Dem Weihnachtsfest kann in den kommenden Tagen niemand ausweichen, keine Atheistin, kein Konfessionsloser, auch kein Moslem.

Der Kommentar: An den Hauswänden klettern Weihnachtsmänner hoch. Auf irgendeinem Kran leuchtet ein Stern. In den Geschäften klingen die Kassen. Sehnsüchte haben Hochkonjunktur. Die Suizidrate steigt. Mit etwas Glück verzaubert am 24. Dezember ein Schneefall die Landschaft. Weihnachten als heidnische Wintersonnenwende. Und dies im viel beschworenen christlichen Abendland?

Also doch besser die Feier der Geburt eines gewissen Jesus? Aber wer rückt in den kommenden Tagen diesen Menschen wirklich ins Zentrum seines Lebens? Man denkt an Kirchen und wendet sich in der Überzeugung gleich wieder ab, diese Institutionen hätten ohnehin mit dem Lebensalltag wenig zu tun. Sie kreisten bloss um sich selbst.

Es ist so: Der Zimmermannssohn Jesus aus dem galiläischen Kaff Nazareth hat keine Lobby. Er geht hierzulande im seichten Weihnachtsboom unter. Das war schon vor 2000 Jahren so. Niemand nahm von seiner Geburt Notiz. Die rührseligen Legenden über seine Niederkunft im Stall sind Erfindungen von späteren Gläubigen. Damals leuchtete der Sonnengott Mithras über dem gesamten Römischen Reich. Kein Christentum weit und breit. Doch dessen Ähnlichkeit mit dem Mithraskult ist verblüffend. Auch diese römische Gottheit wurde in einer einfachen Behausung geboren. Wie Jesus soll Mithras der Legende nach in den Himmel aufgefahren sein.

Der Kult des unbesiegbaren Sonnengottes Mithras und die erstarkende Anhängerschaft Jesu wetteiferten zur Zeitenwende um die Vorherrschaft. Strategische Ideologen der christlichen Kirche agierten kirchenpolitisch clever. Sie wussten: Der Geburtstag des Mithras ist der 25. Dezember. Da niemand mehr wusste, an welchem Tag Jesus auf die Welt kam, setzte die Kirchenführung den Geburtstag ihres Messias auf denselben Tag. Hinter dem Schachzug stand die Absicht, Mithras aus dem Volksbewusstsein zu verdrängen. Der Gottessohn der Christen sollte fortan der «sol invictus», die unbesiegbare Sonne sein. Ein gelungener religionspolitischer Schlag. Das bewusst festgelegte Datum wurde zum Protestfest gegen eine römische Gottheit und fegte diese vom Thron.

Doch in unseren Tagen steht Mithras wieder mächtig auf. Im Gewand von Weihnachten. In der Gestalt des Wintersonnenfestes. Im Kleid des Säkularismus. Ich will nicht werten, aber feststellen: Die Erinnerung an die Geburt des spannenden Menschen Jesus aus Nazareth verkommt heute zur Randerscheinung. Weihnachten vernebelt sie. Vergessen geht die Gestaltungskraft, die von der Krippe in Bethlehem ausgeht. Kennt sie noch jemand?

Jesus war einer der markantesten Humanisten der Weltgeschichte. Leider waren und sind es ausgerechnet auch die Kirchen, die sein Potenzial verwässern. Eines davon ist der Umgang mit Andersdenkenden oder Feinden. Auf Schritt und Tritt kann man einer Welt begegnen, die gerade darin keine gangbaren Wege mehr kennt. Überall wird polarisiert. Jesus schlägt vor, die Feinde zu lieben. Das ist eine der Leuchtraketen von Bethlehem, nicht von Weihnachten. Doch Jesus ist nicht naiv. Mit Feindesliebe meint er, wer sich auf ihn berufe, soll auf kreative Weise an Lösungen arbeiten, nicht gegen den Feind, auch nicht ohne ihn, aber engagiert mit ihm. Das können nur Menschen, welche die eigenen Schattenseiten kennen, sie bearbeiten und nicht auf Minderheiten oder Fremde projizieren. Der junge Jesus hat es vorgemacht. Er hat sich in die Wüste zurückgezogen, kam geläutert zurück und begann gerade mit der Kraft dieser Erfahrung sein kurzes, heilsames Wirken in Palästina.

Christen können ihre modernen Konkurrenten, den Säkularismus, die Gleichgültigkeit, religiöse Fundamentalisten oder Atheisten nicht abschiessen wie ihre fernen Vorgänger den Mithraskult. Ihnen bleibt eine einzige Möglichkeit. Sie müssen aus innerer Kraft überzeugen. Die Kirchen werden in vier Wochen wieder gut gefüllt sein. Aber was suchen die Christen dort? Nostalgie? Im Sinne von «da war doch einer vor 2000 Jahren, der hat’s gut gemacht»? Mehr nicht? Oder eine klassische Konzertmesse? Die erbaulichen Worte eines Pfarrers? Und vor allem: Warum leeren sich die Kirchen hernach wieder schlagartig?

Natürlich darf Kerzenduft sein, auch «Süsser die Glocken nie klingen», Familienfeier und selbstverständlich ein Fondue chinoise. Die Geburt Jesu ist keine trostlose, verbissene Politversammlung. Rituale und Gefühle sind sogar notwendig. Christen aber gehen einen gewichtigen Schritt weiter. Sie ziehen den Vorhang, der Weihnachten heisst, beiseite und wenden sich der Geburt Jesu zu. Dieser Gang aber hat Konsequenzen, über den 24. Dezember hinaus, für jeden Einzelnen und für die Gesellschaft.

* Josef Hochstrasser 69, römisch-katholischer Priester, Heirat, seit 1989 reformierter Pfarrer, Autor mehrerer Bücher, Publizist

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