Was die EM besser macht als die EU

Der Fussball sei «die letzte Manifestation des Nationalismus, manchmal sogar des Nationalistischen», schrieb Schriftsteller Hugo Loetscher anlässlich der Europameisterschaft 2004 in Portugal. Es war die erste EM, an der man mit der Einheitswährung Euro bezahlen konnte. Niemand ahnte damals etwas von der Finanz- und Eurokrise, die Begriffe Grexit und Brexit waren noch nicht erfunden, das Konzept des Nationalstaats schien überholt. Hugo Loetschers Feststellung ist vor diesem Hintergrund zu verstehen: Die Fussball-EM als archaisches Kräftemessen, als Erinnerung an eine Zeit, in der es noch Nationalstaaten gab.

Jetzt findet wieder eine EM statt. Das Spiel ist dasselbe, in den Stadien erklingen die Nationalhymnen, es herrscht patriotische Hochstimmung. Europa aber ist anders: Noch während des Turniers, am 23. Juni, könnte die EU Grossbritannien verlieren. Im Gastgeberland Frankreich führt Marine Le Pen alle Umfragen an, Anti-Europa-Parteien sind fast überall im Hoch. Der Nationalismus, 2004 abseits der Stadien für überwunden erklärt, ist zurück und nimmt teilweise ungesunde Formen an. Er ist allerdings auch eine Gegenreaktion auf eine übertriebene Harmonisierung und «Vergemeinschaftung» von allem und jedem in der EU, was zu Identitätsverlust führte. Eine Gegenreaktion auch darauf, dass das Abtreten von Kompetenzen nach Brüssel nicht geholfen hat, grosse Probleme wie die Euro-, Schulden- und Flüchtlingskrise zu verhindern oder zu lösen.

Die EU müsste schaffen, was an der EM gelingt: Hier zelebriert man den Nationalstolz, feiert aber gemeinsam (meistens, aber leider nicht immer friedlich). Vielfalt und Unterschiedlichkeit gelten als Gewinn und nicht als Gefahr. Hier herrschen klare Spielregeln, die durchgesetzt werden, und nicht, wie in der Schulden- und in der Flüchtlingskrise, dauernd umgebogen werden. Wäre die EU ein bisschen mehr wie die EM, gäbe es wahrscheinlich kein Brexit-Referendum, der Front National, andere populistische Parteien wären Randerscheinungen – und das Verhältnis der Schweiz zur EU einigermassen unverkrampft. Würde sich die EU in Richtung Föderalismus und Vielfalt entwickeln, hätte überbordender Nationalismus keinen Nährboden mehr – und Hugo Loetscher, der 2009 starb, könnte doch noch recht bekommen.

Europa neu erfinden: Im «morgen»-Bund.

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