Der Kommentar: Ohne Phosphat keine weisse Wäsche – das galt bis 1986. Dann beschloss der Bundesrat den Phosphatausstieg innert eines Jahres, doch die Waschpulverhersteller hatten schon wenige Monate später phosphatfreie Produkte im Gestell. Die Gewässer in der Schweiz erholten sich und wir alle profitierten von diesem Innovationsschub. Genauso stelle ich mir den Atomausstieg vor.

Warum denn eigentlich aussteigen? Weil AKWs weder «umweltschonend» (gemäss Axpo) noch sicher sind (gemäss Ensi). Im März hat der Ständerat beschlossen, nicht wissen zu wollen, woher und unter welchen Bedingungen Uran abgebaut oder angereichert wird. Damit ist meine parlamentarische Forderung nach Transparenz vorerst gescheitert. Natürlich wissen wir aber, dass Uranabbau enorme Mengen an Öl/Gas oder Kohle für die Förderung und Verarbeitung zu Yellow Cakes braucht und in den Abbaugebieten riesige radioaktive Berge zurückbleiben. Und wir wissen, dass die heutige Aufbereitung im russischen Majak und Seversk Verseuchungen hinterlassen. Immerhin hat die Axpo auf Druck von Greenpeace und Parlament mindestens die Zusammenarbeit mit Majak ausgesetzt.

Wo der Atommüll hin soll, ist noch offen. Weder in der Schweiz noch sonst irgendwo in der Welt gibt es eine überzeugende Lösung. Die Nagra schlägt ein Loch im Opalinuston vor, das aufgebohrt und in 100 Jahren vergessen werden soll.

Wie sicher der Betrieb von AKWs ist, haben innert 33 Jahren drei schwere Unfälle in Harrisburg, Tschernobyl und Fukushima gezeigt, 3 von 450 AKWs sind mit schweren Folgen verunfallt. Da nützt auch nichts, dass das älteste AKW der Welt (Beznau 1) zur «Weltklasse» verklärt wird, denn die wichtigsten Erneuerungen wie Containment-Kondensationssprühanlagen und Kernschmelzausbreitungsflächen (Core Catcher) wie beim EPR fehlen. Gemäss der Beurteilung unserer Atomaufsicht Ensi bestehen zusätzlich noch drei sicherheitsrelevante Probleme: fehlende erdbebensichere Notstromanlage, korrosionsbedingte ausgedünnte Containment und Korrosionsanzeigen an den Durchführungsrohren am Reaktordruckgefässdeckel. Das Ensi beurteilt diese Punkte als «nicht genügend abgesichert». Dazu gibt es erhebliche Zweifel bezüglich Hochwassersicherheit.

Diese Provokation lässt auf die Hilflosigkeit der Kraftwerkbetreiber schliessen. Das eidgenössische Stromgesetz sagt, Strom sei jederzeit kostengünstig für jeden Bedarf ausreichend bereitzustellen. Ersetzen Sie in diesem Satz «Strom» durch «Bildung» oder «Gesundheit» oder «Sicherheit» . . . Wobei genau Letzteres ja für AKWs auch Gesetz ist. Mit diesem Gesetz müssen die staatlichen Kraftwerkbetreiber auf Teufel komm raus Strom herstellen. Suffizienz und Effizienz sind Fremdwörter, die sie scheuen einzufordern. Energiesenkpfade vorzuschlagen gehört nicht zu ihrem Business, auch wenn gerade diese eigentlich die Problemlösung sind.

Diese Behauptung ist aber auch Ausdruck für die Unfähigkeit, sich eine andere, bessere Energiezukunft vorstellen zu können. Denn der Ersatz der 10% Atomstrom an unserer Energieversorgung ist ja erst der Anfang! Denn auch Öl, Gas und Kohle sind endlich. Wir tun gut daran, jetzt schon auf Dauerhaftes, sich Erneuerndes, Einheimisches zu setzen. Nur die erneuerbaren Energien bieten uns längerfristig diese Energiesicherheit. Darum macht es Sinn, unsere heutige Energieverschwendung zu reduzieren.

Wie das gehen soll? Häuser zu Kraftwerken oder mindestens zu Nullenergiebauten machen, das gibts schon über 200-mal in der Schweiz. Elektroheizungen mindestens mit Wärme-Kraft-Koppelungsanlagen auswechseln – hierzulande werden jährlich 70 000 Heizungen ersetzt. Nicht zu vergessen Smart-Grid als Konzept, wonach bestimmte Geräte, etwa Kühlungen, nur bei genügend Strom funktionieren, keine Standby-Applikationen und vieles mehr.

Studien zeigen, dass ohne Verzicht und mit vorhandener Technologie zwischen 20% (ETH) und 35% (Umweltverbände) Energie eingespart werden könnte. Wenn das Parlament nun beschliessen würde, der Energieverbrauch sei zu senken und die Erneuerbaren seien zu steigern, könnten die AKWs ohne Sorge rasch abgestellt werden.

Die externen Kolumnisten und Kommentatoren des «Sonntags» äussern in ihren Beiträgen ihre persönliche Meinung.

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