Gestern trat die Führungsriege seiner Regierungspartei zurück. Doch der Präsident klammert sich weiter an seine Macht. Und ausgerechnet die Bannerträger der Freiheit im Westen verzögern seinen Abgang, indem sie einen klaren Positionsbezug zugunsten des Volkes auf den Strassen von Kairo scheuen. Die «New York Times» schrieb: «Obama muss nun Stellung gegen das korrupte und sterbende Regime beziehen. Das wird nicht zum Chaos führen.»

Immerhin bekundeten europäische Politiker gestern an der Münchner Sicherheitskonferenz ihre Solidarität mit der Demokratiebewegung. «Wer sind wir, wenn wir nicht sagen, dass wir an der Seite dieser Menschen stehen», sagte Deutschlands Kanzlerin Angela Merkel. Grossbritanniens Premier David Cameron und Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy riefen zu einem «schnellen Beginn des Übergangsprozesses» auf.

Und was sagt die Schweiz? Was sagt jenes Land, das sich der Welt gern anpreist als Hort der Freiheit, als Wiege der Demokratie, als Depositärstaat der Genfer Konventionen? Zwar rief Bundespräsidentin Micheline Calmy-Rey dazu auf, die Menschenrechte

zu beachten. Aber das wars dann auch schon. Es sind bloss wenig einflussreiche grüne Parlamentarier und einzelne Sozialdemokraten, die deutliche Worte finden: gegen Mubarak, für die Demokratiebewegung.

Es scheint, als wären wir die Letzten, die sich gegen Mubarak zu stellen wagen. Warum eigentlich? Weil wir neutral sind? Nun, im Palästinenserkonflikt war Calmy-Rey auch selten um klare Stellungnahmen verlegen. Oder weil wir vermuten, dass Mubarak und andere arabische Potentaten einen Teil ihrer Milliarden auf Schweizer Bankkonten lagern? Dann wäre das Kuschen der Schweiz umso bedenklicher.

Die Schweizerinnen und Schweizer verfolgen den Aufstand in Ägypten mit Hoffen und Bangen, wir spüren, dass wir Zeugen eines wohl historischen Vorgangs sind. Der «arabische Frühling» erinnert an die Freiheitsbewegung in Osteuropa 1989. Es wäre jetzt an der Zeit, dass auch die offizielle Schweiz ein klares Zeichen setzt. Ein Zeichen für die Menschen auf dem Tahrir-Platz. Ein Zeichen für die Demokratie.