Der Kommentar: Jetzt haben wir wieder Tucholsky-Zeit. Kaum eine Wortmeldung zum neuen Karikaturenstreit kommt ohne das berühmte «Satire darf alles»-Zitat des legendären Publizisten aus. Darf man also in Frankreich oder in der Schweiz Mohammed-Karikaturen veröffentlichen? Klar. Doch soll und muss man das? Im Namen der Pressefreiheit? Klar nein.

Beginnen wir mit dem Begriff der Satire. In ihr vereinen sich stets zwei Anliegen: Sie will einerseits gesellschaftliche und politische Missstände ausleuchten und dies andererseits mit Mitteln tun, die das Publikum unterhalten und in Bann ziehen. Satire hat immer eine Zielgruppe – und ja, Satire darf und soll alles Notwendige und Erdenkliche, um in dieser Zielgruppe den gewünschten Effekt zu erzielen. Dort aber, wo ein Satiriker sein Publikum langweilt, beleidigt oder verärgert, ist «Satire darf alles» nichts weiter als eine leere, trotzige Pose.

Hier liegt das Kernproblem der Mohammed-Karikaturen: Sie sind für das eigene Publikum schlicht irrelevant und langweilig. Sie stellen per se innerhalb unseres eigenen Wertesystems keinen erkennbaren Regelverstoss dar. Kaum ein Europäer kann gefühlsmässig nachvollziehen, was daran derart unerhört sein soll, dass darauf nur mit Zerstörung und Gewalt reagiert werden kann. Demgegenüber steht die islamische Glaubensgemeinschaft, die von einem Verständnis für derlei Satire so weit entfernt ist wie nur möglich – zumal das Abbildungsverbot für Gott und den Propheten nicht nur für satirische oder herabwürdigende, sondern bekanntlich für jede Art bildhafter Darstellung gilt.

Wenn nun auf dem Hintergrund anhaltender weltweiter Proteste Mohammed-Karikaturen veröffentlicht werden, geschieht das weniger im Namen der Meinungsfreiheit als im Namen der eigenen Magazinstrategie. Sie gründet auf einer Spielart von Humorverständnis, welche primär das lustig findet, was andere beleidigt oder ärgert – und vor allem: weil es andere beleidigt oder ärgert. Die versteckte Kamera ist die harmlose Variante dessen. Das Juli-Cover der «Titanic» mit dem inkontinenten Papst ist nur ein aktuelleres Beispiel: Nicht die satirische Darstellung und ihre Aussage an sich, sondern erst die Klage des Vatikans hat dem Beitrag seine Publizität beschert.

Doch wer sein Humorverständnis allein auf Tabubruch und Provokation zum Selbstzweck abstellt, hat womöglich noch nie jene Satire erlebt, die einem Hitze ins Gesicht und wohlige Schauer den Rücken hinunter zu treiben vermag: Weil sie nicht fremde Wertesysteme, sondern eigene Denkschablonen ins Wanken bringt – mit Nadelstichen, die gekonnt so dosiert sind, dass man sich der Kritik nicht verschliesst, sondern gerne ausliefert. Dazu muss man jedoch sein Zielpublikum genau kennen – und wer kann das schon, wenn er Filme und Bilder ins Internet stellt?

In unserem direktdemokratischen und konkordanten Bundesstaat ist es nachgerade ein Wesenszug des Humors, dass wir unter Satire nicht einzig Aggressionsabfuhr gegen übermächtige Regenten und fremde Völker verstehen, sondern uns am ausgelassensten über unsere eigenen Widersprüche und Daseinsfragen (von Emil bis Simon Enzler) amüsieren.

Zu diesen Widersprüchen zählt etwa die Tatsache, dass nicht nur Zehntausende Muslime gegen einen Film protestierten, ohne ihn gesehen zu haben, sondern dass auch bei uns Hunderte Medienleute wer-tende Begriffe wie «Schmähfilm» oder «Machwerk» gedankenlos übernahmen, als würde sich der Anspruch auf Meinungsfreiheit neuerdings aus künstlerischen Qualitätskriterien herleiten lassen.

Wie steht es überhaupt um diese Meinungs- und Pressefreiheit? Ist es im Kontext der aktuellen Proteste wirklich die Aufgabe der Satire, diese Freiheiten wie heilige Glaubenssätze der Aufklärung zu verteidigen, und zwar nicht weniger überzogen, stur und lautstark als die Gegenseite? Würde die Verteidigungsaufgabe nicht vielmehr den seriösen Leitmedien und ihren rationalen Argumenten zufallen?

Es sind ausgerechnet viele dieser Medienhäuser, welche die Werte der Aufklärung über Jahrzehnte und Jahrhunderte miterstritten hatten, die in der aktuellen Diskussion und in der Auseinandersetzung mit dem Islam total versagen, indem sie lavieren und oft sogar Opfer zu Tätern machen. Genau in diesen Widersprüchen und Scheinheiligkeiten der Kontroverse – und nicht in einem im Übrigen wieder aufgewärmten Tabubruch – liegt für die Satirezunft der Stoff für die kommenden Tage und Wochen.

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