Der Kommentar: Es wäre einfach, die Konservativen in diesem Land für ihren Umgang mit der Geschichte zu kritisieren. In vollen Vortragssälen, im Parlament und auf alten Schlachtfeldern feiert die SVP dieses Jahr wieder einmal die Vergangenheit, besser gesagt: ihre Version davon. Sie erschöpft sich darin, die Schweiz als Land im permanenten Abwehrkampf gegen alles Fremde zu malen. Es wäre einfach, sie zu kritisieren – aber falsch.

Vielmehr muss man sich fragen, weshalb es so lange gedauert hat, bis endlich eine Geschichtsdebatte in Gang gekommen ist. Zwei Gründe sind auszumachen. Erstens: Viele Linke, in der Politik und an den Universitäten, sträubten sich. Den Ewiggestrigen nur keine Plattform bieten! Statt der konservativen Deutung wichtiger Jubiläen etwas entgegenzusetzen, schwieg man diese lieber tot. Erst spät versuchte die SP, mit eigenen Symbolen zu kontern. Zweitens: Viele Bürgerliche sind heute geschichtsblind. Wann vernahm man von der Staatsgründerpartei FDP den letzten Beitrag zur Identität dieses – ihres – Landes? Spätestens seit dem Streit um nachrichtenlose Vermögen in den 1990er-Jahren hat der Freisinn das Feld der SVP überlassen.

Dabei ist diese Auseinandersetzung nötig. Je grösser die Ungewissheit vor der Zukunft (und sie ist gross), desto wichtiger wird der Blick auf die eigene Vergangenheit. Das zeigt die Schärfe, mit der Historiker wie Thomas Maissen in diesen Tagen angegriffen werden, wenn sie das SVP-Geschichtsbild hinterfragen. Wer eine andere Deutung vertritt, wolle das Land aufgeben, heisst es dann von der Gegenseite. Oder: Brüssel einfach. Das darf nicht das Ende der Debatte sein.

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