meerinsel aus Italien austreten und als «Canton Marittimo» der Schweiz beitreten lassen möchte. Natürlich waren die Reaktionen eher belustigt. Das ist dumm. Denn der Schweiz eröffnet sich eine vielleicht einmalige strategische Chance. Daher sind die hier aufgeführten Gedanken ernst gemeint.

Hier ist zuerst einmal die historische Dimension. Es ist völlig naiv, zu glauben, dass Grenzen in Stein gemeisselt sind. Wir lassen uns oft von den letzten 20 Jahren des «Endes der Geschichte» verblenden: Gebietsveränderungen sind eine historische Konstante. Sie werden auch in Europa wieder geschehen. Man bedenke nur, was im Moment auf der Krim beziehungsweise in der Ukraine passiert sowie in Schottland und Katalonien mit ihren starken Separationsbewegungen. Es ist daher unwahrscheinlich, dass die Schweiz nie mehr gebietsmässig wachsen (oder schrumpfen) wird. Darüber hinaus wäre die territoriale Integrität einer so erweiterten Schweiz kein Problem: Länder wie Indonesien oder Malaysia haben auseinanderliegende Staatsgebiete, und es würde die Swiss freuen, wieder viele Inlandsflüge zwischen beispielsweise Cagliari und Genf anbieten zu dürfen.

Dann die strategische Dimension. Mit Sardinien gewinnt die Schweiz ca. 60% an Landmasse und 1,6 Millionen Einwohner. Sie sendet vor allem ein starkes Signal aus: Die Schweiz ist ein erfolgreiches gesellschaftliches und wirtschaftliches Modell, welches in Zukunft eine grössere Rolle spielen wird. Es könnte sogar der Beginn einer grösseren, selbstverständlich friedlichen Expansion der Schweiz sein. Mit Sardinien erhält die Schweiz darüber hinaus eine neue militärische Qualität: Sie wird eine maritime Macht. Das 21. Jahrhundert, so viele Experten, wird ein Jahrhundert der Navies. Landarmeen werden irrele-
vant. Für die Sicherheit der Schweiz ist eine aktive maritime Präsenz an strategisch exzellenter Lage höchst interessant.

Wirtschaftlich ist Sardinien schwach. Die Landwirtschaft ist kleinteilig, die Industrie nicht wettbewerbsfähig; allerdings blüht momentan eine kleine, feine IT-Branche auf. Doch eine Modernisierung der Landwirtschaft wäre eine fantastische Aufgabe für die Eidgenossenschaft. Denn klimatisch ist Sardinien mit Kalifornien zu vergleichen – immerhin ein Paradebeispiel für erfolgreiches Agribusiness. Die Industrie wäre in der Tat wenig überlebensfähig, sie würde aber aufgefangen durch einen weiteren Ausbau des Dienstleistungssektors. Denn die vor allem touristische Ausgangslage ist hervorragend; dazu kommen grosse Möglichkeiten in den Bereichen MICE (Meetings/Incentives/Conferences/Events), Forschungszonen (Innovationspark, Weltraumtechnologie, Greentech) sowie dem Wellness- und Gesundheitssektor. Hier lockt nicht zuletzt ein riesiger Markt in Asien. Nicht vergessen: Die Schweiz hat es immer geschafft, ressourcenarme, schwierige Regionen zum Blühen zu bringen. Dies wird auch in Sardinien gelingen.

Wie macht man denn nun Sardinien zur Schweiz? Viele Aspekte sprechen für eine erfolgreiche Integration. Zum einen sind die kultu-
rellen Unterschiede kleiner, als man denkt: In Sardinien wird schon heute eine Landessprache gesprochen. Mit dann fast 2 Millionen würden dann in dieser erweiterten Schweiz knapp mehr Menschen Italienisch sprechen als Französisch. Das Tessin würde quasi als Garantiekanton und Brückenkopf aufgewertet und könnte endlich beweisen, was in ihm steckt. Die sardische Bevölkerung ist darüber hinaus relativ homogen und zählt wenig Migranten. Mit Cagliari erhält die Schweiz eine attraktive Grossstadt mit hohem kulturellem Wert, die aber den schweizerischen Stadtmassstab nicht auf den Kopf stellt: Cagliari ist etwa so gross wie Bern.

Anders als die Initianten in Sardinien denken, würde nicht ein Kanton, sondern deren drei bis vier gebildet: ein starker urbaner Kanton um Cagliari herum; dazu Kantone um Alghero/Sassari sowie um Olbia/Costa Smeralda (also in etwa den Provinzen vor der italienischen Gebietsreform 2005 entsprechend). Diese Kantone hätten dann 300 000 bis 500 000 Einwohner, würden also eher zu den grösseren Kantonen der Eidgenossenschaft gehören, was eventuell Kantons- gebietsreformen in der Schweiz nach sich ziehen würde. Würde sich die Schweiz übernehmen? Nein, denn der Neuzuwachs an Einwohnern ist prozentual deutlich weniger, als Westdeutschland mit den neuen Ländern zu bewältigen hatte – wobei die Schweiz wirtschaftlich um einiges dynamischer ist als das damalige Westdeutschland. Ebenso ist die Pro-Kopf-Leistung der Sarden zwar schwach, jedoch weit über derjenigen der ehemaligen DDR. Bei allem Missmanagement und Schlendrian: Sardinien ist eine marktwirtschaftliche Gesellschaft mit Gewaltenteilung und relativ guter Bildung, die notabene keinerlei organisiertes Verbrechen kennt. Aus historischen Gründen hat sich auf der Insel keiner der Mafiaclans etablieren können. Darüber hinaus darf bezweifelt werden, dass die Korruption in Sardinien strukturell grösser ist als etwa im Wallis (Stichwort «A 9»).

Die Vorteile liegen auf der Hand: Die Schweiz wird mit 10 Millionen Einwohnern und fast 70 000 Quadratkilometer Landmasse zur europäischen Mittelmacht. Dünn besiedelte Gebiete mit hohem landwirtschaftlichem und touristischem Wert nehmen unter Umständen den Druck vom Mittelland. Die Kennzahlen sprengen den helvetischen Massstab nicht – auch kommt keine überdimensionierte Millionenstadt zur Schweiz hinzu. Sardinien könnte zur «Westküste» der Schweiz werden: Pioniere, Individualismus, neue Technologien, Avantgarde. Die neuen Schweizerinnen und Schweizer sprechen eine Landessprache und sind kulturell eine Bereicherung. Die Integration ist verwaltungstechnisch machbar. Die Schweiz wird eine Seemacht in einem der immer noch wichtigsten Gewässer der Welt. Die Verhandlungsposition des Landes gegenüber der EU wird massiv gestärkt. Nicht zuletzt haben die Schweiz und ihre exzellente Verwaltung wieder ein grosses Ziel: Wie macht man 1,6 Millionen Menschen schnell zu erfolgreichen Svizzeri inklusive Migros und S-Bahn?

Die Schweiz hat im Moment wenig strategische Möglichkeiten. Sie kann als Stadtstaat agieren (was sie de facto heute ist), oder als EU-Kleinstaat à la Belgien. Die Erweiterung der Eidgenossenschaft um Sardinien ist eine kleine, aber vielleicht einmalige Chance für eine neue strategische Option. Wir sollten sie nutzen.

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