Die Debatte gipfelte bisher in der Spekulation, dass «jüdische Kreise» den Badener Stadtammann und Grünen-Nationalrat Geri Müller erledigen wollten.
PR-Berater und Politiker sollen in die Affäre verwickelt sein. Die verworrenen Theorien vernebeln den Blick auf das Wesentliche.

Zunächst: Das Wesentliche ist nicht die Moral. Natürlich ist es anstössig, wenn ein hoch bezahlter Berufspolitiker in seinem Büro Nacktfotos macht und verschickt. Und natürlich zeugt es nicht von hoher Integrität, wenn dieser Politiker seine Ex-Chat-Partnerin zum Leugnen der Beziehung anleitet, wenn sie danach gefragt werde. Gelegentlich wurde argumentiert, dass solche Schwächen allzu menschlich seien und dass jeder Dummheiten machen dürfe. Aber in dieser Position und in einer Art und Weise, die geradezu provoziert, dass man erwischt wird? Wenn das bei einer Sekretärin im Bundeshaus nicht toleriert wird – warum sollte es dann bei einem Nationalrat durchgehen?

Das Wesentliche ist etwas anderes. Im Kern geht es um Politik. Geri Müller ist einer der wichtigsten Aussenpolitiker.
Er ist Mitglied der Aussenpolitischen Kommission (APK), die er zur Zeit der Geiselaffäre in Libyen präsidierte. Seine Sympathie für die palästinensischen Hamas-Extremisten ist hinlänglich bekannt.

Ein solcher Politiker macht sich erpressbar, wenn er einer jungen Frau, die er nur flüchtig kennt, kompromittierende Bilder von sich selbst schickt, gewisse Körperteile in Grossaufnahme. Das ist nicht nur naiv und dumm, wie Geri Müller an der Pressekonferenz bekannte. Das ist auch gefährlich.

Man stelle sich vor, die Bilder wären auf einer seiner Nahostreisen beschlagnahmt und er wäre damit unter Druck gesetzt worden. Oder sie wären in dortigen Medien erschienen. Dann wäre es ein weltweiter Skandal gewesen. Geri Müller erklärte diese Woche, seine Chatpartnerin habe ihm gesagt, er solle sich nicht mehr zur Nahostpolitik äussern. Damit hat Geri Müller das politische Risiko seines Fehlverhaltens selbst angesprochen.

Jeder Schüler wird heutzutage über die Risiken von Sexting aufgeklärt. Dass ausgerechnet Profipolitiker Geri Müller, langjähriger Schulvorsteher der Stadt Baden, sich dieser Risiken nicht bewusst war, erstaunt. Er fühlt sich ja seit Jahren verfolgt, schreibt in einem Chat sogar, die Bundesanwaltschaft habe ihm bestätigt, dass der israelische Geheimdienst Mossad ihn überwacht habe. Und dann sendet er diese Texte und Bilder.

Das ist nicht privat, sondern hochpolitisch. Rein privat ist auch nicht, wenn er im Stadthaus die Hosen herunterlässt und schreibt, «die Sekretärin ist weg»; wenn sie reinkommen würde, würde er sie fragen, «ob sie sich bedienen will». Oder wenn er schreibt, die NZZ warte auf ihn, und es werde eine Herausforderung sein, «exakte Botschaften in einem delirischen, sexuellen Zustand» zu bringen. Da scheint die Urteilsfähigkeit getrübt gewesen zu sein.

Die «Schweiz am Sonntag» hat die Affäre publik gemacht, weil die Bürgerinnen und Bürger Anspruch darauf haben, diese Vorgänge zu erfahren, um sich ihre Meinung zu bilden. Die politisch relevante Affäre unter dem Deckel zu halten, wäre falsch. Das gilt unabhängig vom Verhalten oder der Glaubwürdigkeit der Chat-Partnerin, die in einigen Medien als «Borderline-Typ» bezeichnet wurde: Wäre es so, würde dies das politische Risiko nur umso offensichtlicher machen.

Geri Müller hat am Dienstag eine öffentliche Beichte abgelegt und sich entschuldigt. Das ist zu anerkennen und verdient Respekt. Er konnte auch glaubwürdig darlegen, dass er am vorletzten Mittwochabend die Polizei aus Sorge um die angeblich suizidgefährdete Frau rief – und nicht, um an ihr Handy zu kommen. Dieses Motiv wurde am letzten Sonntag zwar erwähnt, inzwischen gibt es dazu aber mehr Fakten. Allerdings bleiben bei diesem Polizeieinsatz viele Fragen offen, und auch die Politik verlangt nun Auskunft.

Der suspendierte Stadtammann hat sich also teilweise entlastet, auch wenn er sich bei seinem Auftritt in neue Widersprüche verstrickte: Etwa, indem er behauptete, die Chats hätten keine erotische Funktion gehabt, was gemäss den Chat-Dokumenten und -Fotos widerlegbar ist. Oder indem er sagte, die Chat-Beziehung sei rein virtuell gewesen, er habe die Frau währenddessen nicht gesehen. Später musste er gegenüber der NZZ einräumen, dass er mit der Frau das Kino besucht habe, und gemäss der Frau kam es dabei «zu einem sehr körperlichen Kontakt».

Diese Fehler wurden aber überlagert von den undurchsichtigen Spielen mehrerer Politiker und Akteure, die Geri Müller als Opfer einer Polit-Intrige dastehen lassen. Im Nachhinein erwies sich unsere Veröffentlichung als Stich in eine Eiterbeule. Die Rollen einzelner Politiker und tatsächlicher oder vermeintlicher Netzwerke, die diese Woche enthüllt wurden, warfen kein gutes Licht auf das Politgeschäft. Nicht nur in Politthrillern am TV, auch in der Realität, so der Eindruck, ist jeder zuerst auf seinen eigenen Vorteil bedacht.

Diesen Vorwurf könnte man auch gegenüber den Medien und der «Schweiz am Sonntag» erheben: Sie machen Auflage und Klicks mit «Gerigate», wie die Affäre in den sozialen Medien genannt wird. Doch der viel kritisierte Herdentrieb spielte diesmal nur insofern, als sämtliche Medien über diese Affäre berichteten. Inhaltlich herrschte Vielfalt: Die einen kritisierten vor allem Geri Müller, andere zogen die Glaubwürdigkeit seiner Chat-Partnerin in Zweifel, und wieder andere recherchierten mögliche politische Motive hinter der Affäre. Wichtig auch: Geri Müller hatte in zwei Gesprächen mit der «Schweiz am Sonntag» Gelegenheit zur Stellungnahme, konnte oder wollte aber nicht ausführlich reden. Die vergangene Woche gab auch einen Einblick in das Funktionieren der Medien: Die täglich neuen Berichte ergaben erst in der Summe ein schlüssiges Gesamtbild.

Einige Medien berichteten, sie hätten vor längerer Zeit «Bildmaterial» in dieser Sache angeboten bekommen, aber auf eine Publikation verzichtet. Dazu ist festzuhalten: Das war vor dem Polizeieinsatz im öffentlichen Raum in Baden, mit dem auch andere Zeitungen, wie sie mitteilten, sich für eine Berichterstattung entschieden hätten. Der Polizeieinsatz stand am Anfang der Recherchen der «Schweiz am Sonntag» – angebliche «Netzwerke», «Drahtzieher» oder «Kreise» hatten keinen Einfluss.

Nun wird sich zeigen, ob Geri Müller seine Ämter behalten wird oder nicht. Die Klärung sollte rasch erfolgen, denn die Stadt Baden scheint zurzeit politisch gelähmt. In unserem demokratischen System wurden aber schon grössere Krisen bewältigt.

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