Ist die Bedeutung des Bankensektors tatsächlich geringer als uns das BFS weismachen möchte? Irren sich die Statistiker in Neuenburg mit Weitblick auf See und Alpen? Die klare Antwort lautet: Nein. Das BFS hält sich bei der Berechnung der Wertschöpfung an internationale Standards, ohne die ein internationaler Vergleich nicht machbar wäre.

Gemäss den Autoren der Studie liegt der Fehler
bei der Berechnung des Zinsertrags der Banken: Dieser müsste um das entsprechende Ausfallrisiko der Bank bereinigt werden. Doch die Übernahme von Risiken ist eine der zentralen Dienstleistung von Banken, für die sie entsprechend abgegolten werden.

Genauso verhält es sich bei allen anderen Branchen, die allesamt auch ein Geschäftsrisiko übernehmen. Denn ohne das Tragen von Risiken ist kein Ertrag möglich – sei dies für den Detailhandel, Grosshandel oder andere Branchen. So unterliegt beispielsweise ein Schweizer Autoimporteur einem Wechselkursrisiko. Mit der Aufwertung des Schweizer Frankens wurden Autos im benachbarten Ausland im Vergleich zum Inland massiv günstiger. Dies führte dazu, dass die Autos, die bereits im Lager standen einen Wertverlust aufwiesen. Gemäss der Theorie der Autoren hätten die Wertschöpfungsbeiträge entsprechend durch die Bereinigung des Risikos schrumpfen müssen.

Vorbei sind die Zeiten, als nur das produzierende Gewerbe unter Wertschöpfung verstanden wurde. Doch selbst diese müssten folgerichtig um das Risiko bereinigt werden, das die Hersteller von Waren eingehen. So riskiert beispielsweise ein Schreiner, der ein Regal oder eine Küche herstellt, dass diese in Kürze bei Ikea, Interio oder Möbel Pfister für die Hälfte des Preises verfügbar sind. Ist seine Arbeit deshalb nur noch halb so viel wert?
Aus der Versicherungsindustrie lässt sich auch folgendes Beispiel zeigen: Wenn ein Auto einen Totalschaden erleidet, wo fällt dann die Wertschöpfung beim Kauf eines neuen Autos an? Bei der Versicherung oder beim Autoverkäufer? Es liessen
sich beliebig viele Beispiele finden, die auf den ersten Blick nicht ganz fair oder logisch erscheinen, sich aber dennoch in der Berechnung des BFS niederschlagen.

Falls wirklich eine Bereinigung um das Risiko durchgeführt werden soll, müsste dies flächendeckend über alle Branchen erfolgen. An dieser Stelle nur den Bankensektor herauszupicken, ist eine unzulässige Ungleichbehandlung.

Der Einbezug von Geschäftsrisiken ist aber kein Bestandteil des Bruttoinlandsprodukts (BIP). Mit einer Bereinigung würde das BIP gemäss bisheriger Tests massiv stärker schwanken als ohne. Aufgrund von Datenlücken würden sich unplausible oder gar negative Beträge ergeben. Entsprechend schwieriger beziehungsweise unmöglich wäre die Interpretation der Ergebnisse. Eine solche Bereinigung ist heute demzufolge weder wünsch- noch machbar.

Klar ist, dass eine Bereinigung über alle Branchen die Berechnung des BIP durcheinanderbringen würde – inklusive allfälliger Reduktion des BIP. Ob dann der Wertschöpfungsanteil der Banken tatsächlich sinken würde wie von Michael Heim dargelegt, ist nicht klar. Zudem verstehen selbst die Autoren Kellermann und Schlag ihre Untersuchungsresultate als erste Annäherung, die auf einer lückenhaften Datenbasis beruhen.

Dass die Schätzung des BIP keine exakte Wissenschaft darstellt, hat die Revision im letzten Jahr gezeigt. Danach war das schweizerische BIP 4,3 Prozent höher als zuvor. Die Schätzung wird vom BFS entsprechend den aktuellen Entwicklungen angepasst. Dies wiederum hat Einfluss auf den Wertschöpfungsbeitrag des Schreiners, der Autoindustrie oder des Bankensektors. Bis dahin bleibt der Anteil des Bankensektors bei rund 6 Prozent.

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