Die Finanzindustrie macht einen grossen Teil des Bruttoinlandprodukts (BIP) der Schweiz aus. Im Spitzenjahr 2007 betrug der Anteil der Finanzbranche am BIP 13,5 Prozent. Im Vergleich: In den USA lag dieser Anteil bei 8 Prozent, in Grossbritannien bei 7,5 Prozent und in Deutschland bei unter 5 Prozent. In Ländern mit überproportional grossen Finanzplätzen sind Privathaushalte und Unternehmen der Realwirtschaft generell stärker mit Fremdkapital finanziert. Als Folge davon haben in solchen Staaten Finanzkrisen deutlich grössere Auswirkungen auf den Produktionsoutput.

Zudem ist der Schweizer Finanzplatz stark international ausgerichtet. Gesamthaft generieren die Schweizer Banken rund die Hälfte der Wertschöpfung mit ausländischen Kunden. Über die Hälfte aller verwalteten Vermögen unserer Banken steuern ausländische Kunden bei. Die internationale Ausrichtung der Banken hat zum Erfolg der Schweiz als Finanzzentrum beigetragen. Diese Ausrichtung impliziert, dass die Finanzinstitute weniger abhängig sind von den Entwicklungen ihres Heimmarktes. Während der Immobilienkrise in den 1990er-Jahren hatte die Diversifikation einen stabilisierenden Effekt auf die Banken.

Doch die Kehrseite der Medaille ist, dass die Anfälligkeit der Banken auf Finanzschocks beträchtlich ist. Weil das Auslandsgeschäft substanziell ist, können Schocks im Ausland zu grossen Verlusten bei Schweizer Banken führen. Ein Beispiel dafür sind die riesigen Abschreiber von Schweizer Banken wegen ihres Engagements in minderwertigen US-Hypotheken. Die Banken müssen diese Verluste in ihren Bilanzen absorbieren. Sie können Schwierigkeiten bekommen, sich zu refinanzieren, und sind gezwungen, Aktiven zu jedem Preis zu verkaufen.

Das kann dazu führen, dass die Versorgung von Krediten nicht mehr gewährleistet ist und dass die Übertragungsmechanismen der Geldpolitik ins Stottern geraten. Im schlimmsten Fall gerät das Finanzsystem aus den Fugen und kann die gesamte Wirtschaft mit sich in den Abgrund reissen. Zum Glück hat die Schweizer Wirtschaft bisher noch keine Kreditverknappung erlebt, selbst in den Jahren 2008 und 2009 nicht. Ein umfassendes Massnahmenpaket der öffentlichen Hand leistete einen wichtigen Beitrag zur Stabilisierung des Schweizer Finanzsystems.

Die Schweizer Finanzindustrie selber muss diverse andere Herausforderungen bewältigen. Erstens werden die Erträge in der Vermögensverwaltung weiterhin unter Druck stehen. Der Wettbewerb wird sich verschärfen, und die Vermögensverwaltung muss den sich verändernden internationalen Standards genügen. Zweitens könnte ein weiterer Aufbau von Ungleichgewichten im Markt für Wohnliegenschaften in eine markante Preiskorrektur münden.

Darüber hinaus müssen sich die systemrelevanten Banken auf die neuen aufsichtsrechtlichen Anforderungen, die sich auf die «Too big to fail»-Problematik beziehen, einstellen. Im Bereich der Stärkung der Widerstandsfähigkeit des Bankensystems durch Reduktion der systemischen Risiken ist bereits viel erreicht worden. Ein wichtiges Element bildet dabei der antizyklische Kapitalpuffer. Dieses flexible Instrument verbessert die Fähigkeit des Bankensystems, Verluste zu absorbieren und hilft, dem Aufbau von Übertreibungen entgegenzuwirken.

Eine unabhängige, der Stabilität verpflichtete Zentralbank ist eine notwendige Bedingung für einen wettbewerbsfähigen und pulsierenden Finanzplatz. Diese Bedingung ist jedoch mitnichten hinreichend. Es braucht Banken, die es verstehen, die richtigen Folgerungen zu ziehen und den Kurs rechtzeitig anzupassen – eine Eigenschaft, die Schweizer Bankiers in der Geschichte immer wieder auszeichnete.

Der publizierte Text ist ein Auszug einer Rede, die Jordan diese Woche anlässlich des NZZ Capital Market Forum in Zürich hielt.

Mehr Themen finden Sie in der gedruckten Ausgabe oder über E-Paper!