Die Nachricht: Der Schulleiterverband will die Hausaufgaben abschaffen. Schüler, die sich zu Hause an niemanden wenden könnten, seien benachteiligt und in ihrer Entwicklung gefährdet.

Der Kommentar: Über die Zeit fast wellenförmig wiederholen sich pädagogische Postulate, welche vorgeben, die Schule zu verbessern. Gegenwärtig geht es um die für viele heilige Kuh der Hausaufgaben, die kaum einen Nutzen für den langfristigen Lernerfolg haben sollen, weil Aufwand und Ertrag in keinem vernünftigen Verhältnis stünden. In der Tat gibt es viele empirische Untersuchungen, welche die Unwirksamkeit von Hausaufgaben zu belegen scheinen. Aussagekräftig werden die Untersuchungen aber erst, wenn ermittelt wird, wie und welche Typen von Aufgaben in welchem Lernumfeld eingesetzt werden. Wenn also beispielsweise regelmässig die Hausaufgabe «Lest im Lehrbuch nach, was wir heute behandelt haben, und löst die Aufgaben dazu» erteilt wird, ist der Lernerfolg gering. Unter guten Voraussetzungen sind Hausaufgaben aber wirkungsvoll.

Werden Hausaufgaben vielgestaltig aufgetragen, und analysiert man nur solche Studien, welche diese Bedingungen erfüllen, lässt sich ein deutlich positiver Zusammenhang zwischen Hausaufgaben und Lernerfolg feststellen, wobei die Wirksamkeit in höheren Klassen grösser ist als auf der untern Primarschulstufe. Deshalb darf nicht schwarz-weiss über den Nutzen der Hausaufgaben diskutiert werden. Allerdings muss man in pädagogischen Streitfragen auch weitere Aspekte in die Überlegungen einbeziehen. Und davon gibt es bei den Hausaugaben viele: Die Kinder und Jugendlichen werden in der Freizeit mit Hausaufgaben zeitlich überfordert, sodass sie sich nicht entspannen können. Besonders kritisch ist aus sozialpolitischer Sicht, wenn Eltern aus bildungsarmen Schichten ihre Kinder bei Schwierigkeiten nicht unterstützen können, wodurch sich die Ungleichheit der Bildungschancen vergrössern kann. Diese Kritik gilt es ernst zu nehmen.

Die Forschung belegt, dass die Belastung der Schülerinnen und Schüler mit Hausaufgaben bei vielen Lehrpersonen zu hoch ist, weil sie selbst den Zeitaufwand unterschätzen. Leider beginnen sich auch Konflikte und Spannungen in der Familie zu häufen. Das liegt oft am falschen Verhalten der Eltern, die aus persönlichem Ehrgeiz Druck auf ihre Kinder ausüben. Ob die Hausaufgaben die soziale Ungleichheit verschärfen, ist allerdings nicht gesichert. Mehrere Studien zeigen, dass der Einfluss der elterlichen Hilfe auf den Lernerfolg nicht so gross ist, wie meistens angenommen wird.

Anerkennt man das Ergebnis der verlässlichen Untersuchungen, sind vor allem die Lehrpersonen bei der Gestaltung der Hausaufgaben gefordert. Sie müssen die folgenden Regeln beachten:

> Hausaufgaben müssen auf erteiltem Unterricht beruhen und die dort vermittelten Grundlagen vertiefen. Sie dürfen nicht den Unterricht ersetzen, was in letzter Zeit aus Zeitmangel immer häufiger geschieht.
> Die Aufgaben dürfen nicht zur Routine verkommen, sondern sie müssen über die Zeit vielgestaltig sein und den Eigenarten der Klasse gerecht werden.
> Von Zeit zu Zeit sollen viele einzelne Aufgaben vorgelegt werden, aus denen die Schülerinnen und Schüler eine bestimmte Anzahl nach freiem Ermessen auswählen können. Diese Form scheint auch schwächere Lernende zu motivieren, weil sie meistens schwierigere Aufgaben auswählen und mehr Aufgaben als erforderlich lösen.
> Bei anspruchsvolleren Aufgaben sollte etwa bei der Hälfte das Endresultat vorgegeben werden, damit die Lernenden mit der Selbstkontrolle ihres Lernens vertraut werden.
> Hausaufgaben sollten vor allem beim Einüben von Grundfertigkeiten je nach Können individualisiert werden.
> Es sollten auch längerfristige Hausaufgaben erteilt werden, so übt man die Arbeitsplanung und die selbstständige Fortschrittskontrolle ein. Die wichtige Kompetenz der Lern- und Arbeitsplanung lässt sich mittels Hausaufgaben wirksam stärken.
> Hausaufgaben müssen ausgewertet und die daraus gezogenen Lehren besprochen werden.
> Mit lernschwächeren Klassen sollte gegen Ende der Lektionen etwas Zeit für die anstehenden Hausaufgaben eingeräumt werden, damit die Lehrperson einzelnen Lernenden helfen kann.

Auch die Eltern können einen Beitrag leisten:
> Eltern dürfen nicht versuchen, ihre Kinder mittels Hausaufgaben zu Höchstleistungen anzutreiben.
> Sie dürfen ihre Kinder nicht unterrichten, weil dies häufig zu Spannung führt. Sie müssen aber bereit sein, bei Schwierigkeiten Tipps zu geben.
> Sie sollen sicherstellen und überwachen, dass die Hausaufgaben unter guten Bedingungen (ruhiger Arbeitsplatz, Zeitplanung, keine dauernden Ablenkungen) konzentriert erledigt werden.

* Rolf Dubs, emeritierter Professor der Universität St. Gallen (HSG), nimmt vor allem die Lehrer in die Pflicht.

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