Diese Ereignisse sind weit weg. Hierzulande geht gerade der Wahlkampf los. In acht Wochen bestellt das Schweizervolk ein neues Parlament. Das Schweizervolk? Knapp die Hälfte davon, um genau zu sein. Die Wahlabstinenzler werden wohl wiederum die Mehrheit stellen. Aber daran haben wir uns gewöhnt.

Nicht gewöhnen sollten wir uns an die Erosion der Beteiligung bei den jungen Bürgerinnen und Bürgern. Ein Detail der aktuellen SRG-Wahlumfrage wurde kaum bemerkt: Nur 23 Prozent der 18- bis 39-Jährigen wollen an den Wahlen teilnehmen. 23 Prozent! Nicht einmal jeder Vierte! Bei den Stimmbürgern ab 65 Jahren haben 66 Prozent die Absicht, an die Urne zu gehen.

In einer Zeit, wo anderswo junge Menschen ihr Leben aufs Spiel setzen, um demokratische Rechte zu erkämpfen, pfeifen 77 Prozent der jungen Schweizer auf ihr Wahlrecht. Das ist skandalös. Umso mehr, als zentrale Themen auf der Agenda stehen: Was ist zu tun gegen die Frankenstärke? Wie bekommen wir die Einwanderung in den Griff? Soll die Schweiz nun aus der Atomkraft aussteigen oder nicht?

Die Flut der Ereignisse, die sich seit Anfang Jahr über die Welt und auch über die Schweiz ergiesst, regt die junge Generation offenbar nicht zur politischen Beteiligung an. Über die Gründe kann man nur mutmassen: Überforderung, Ermüdung, Gleichgültigkeit. Die deutsche «Zeit» hat beobachtet: Der Medienkonsum nahm während der Mega-Ereignisse (arabische Revolution, Fukushima, Bin Laden) nicht etwa zu. Nein, er ging zurück. Die Zeitung deutet dies als Flucht ins Private: «Lasst mich in Ruhe, mir wirds zu viel.»

Den jungen Menschen in Syrien ist es auch zu viel geworden – aber darum gehen sie auf die Strasse!

Jugend-Bashing ist mir eigentlich zuwider, ich bin kein «Früher war alles besser»-Typ, im Gegenteil. Aber den Politstreik der jungen Generation muss man einfach kritisieren. Es wäre auch billig, den Schulen oder den Parteien die Schuld daran zu geben. Natürlich muss in der Ausbildung vieles besser gemacht werden – aber mehr Staatskunde würde die Wahlbeteiligung höchstens im Promillebereich erhöhen. Auch die Parteien tun heute schon einiges – zahlreiche prominente Jungpolitiker von links bis rechts gehen dabei voran.

Wenn 18- bis 39-Jährige nicht wählen gehen, gibt es dafür keine Entschuldigung. Punkt. Unser Staat baut auf dem Prinzip der Selbstverantwortung auf, und wir sind damit gut gefahren. Geht diese Mentalität verloren, stellt sich früher oder später die Frage, ob die Minderheit derer, die noch wählen und abstimmen gehen, an der Urne einen Wahlzwang beschliessen soll. Einen solchen gibts seit langem im Kanton Schaffhausen – und dort ist die Beteiligung regelmässig am höchsten.

Vielleicht kommt es so weit, dass man die jungen Stimmbürger zu ihrem Glück zwingen muss.

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