Themen wie der starke Franken, die Bilateralen oder die Altersvorsorge finden, wenn überhaupt, dann nur am Rand statt. An deren Stelle treten personenbezogene Showkämpfe wie jener zwischen Roger Köppel und dem Ex-Botschafter Tim Guldimann. Immerhin: Das «Egerkinger Komitee» setzte diese Woche eine späte -- wenn auch unsägliche -- Duftmarke, als es die populistische Burkaverbots-Initiative lancierte.

Statt sich mit Themen zu duellieren, inszenieren die Parteien lieber Frohsinn und führen Schabernack auf. Über virale Kanäle wie Social Media verbreiten sie Videoclips, die zwischen Witz und Peinlichkeit schwanken und von den Nutzern entweder geliked (Daumen hoch), disliked (Daumen runter) oder sonst wie kommentiert und geteilt werden.

Der virale Wahlkampf ist zwar trendy, aber saftlos wie eine Dörrtomate. Die Mechanik von Social-Media-Apps wie Twitter, Facebook und Instagram will es, dass die Beiträge oder Posts von einer Partei oder einem Kandidaten in erster Linie unter Gleichgesinnten ausgetauscht werden. Wird das Filmchen von Freunden geteilt, sehen es weitere Freunde, die wiederum gleicher Meinung sind. Dadurch zirkulieren die Videos und Beiträge im ewig gleichen Meinungstümpel und dienen der Bestätigung bereits gefasster Positionen.

Social Media mögen im normalen Leben den nutzbringenden Effekt haben, möglichst nur Dinge auf das Display zu zaubern, die einen interessieren könnten. Auf dem Feld der politischen Meinungsbildung sind sie aber ein untaugliches Instrument. Mit der Verlagerung ins Internet verabschiedet sich der Wahlkampf immer mehr von der Öffentlichkeit. Ein linksgepolter Wähler wird von den Ansichten des rechten Lagers verschont – und umgekehrt. Social Media sind Wüsten der Meinungsvielfalt.

Klar, das ist im Sinn der meisten Parteistrategen. Denn sie wollen 2015 vor allem ihre eigene Wählerschaft mobilisieren. Damit mögen sie vielleicht zwei Prozentpunkte in der Gunst zulegen, doch sie machen den Wahlkampf zur entsetzlich langweiligen Veranstaltung. Mit der absehbaren Folge, dass am 18. Oktober noch weniger Menschen an die Urne gehen werden. Bei den letzten Nationalratswahlen im Jahr 2011 lag die Wahlbeteiligung bei 48,5 Prozent. Die Schweiz hat im internationalen Vergleich einen der tiefsten Werte bei der Wahlbeteiligung bei der Bestellung von nationalen Parlamenten. Es ist davon auszugehen, dass auch dieses Jahr die Hälfte des Volks zu Hause bleibt.

Wer die breite Masse der Gelangweilten, Verdrossenen und Unentschlossenen ansprechen will, wird auch in Zukunft um altmodische Methoden nicht herumkommen und einen Marktstand vor der Migros errichten oder sich in die Debatten im «Hirschen» oder dem Gemeindesaal stürzen – die im Vergleich zu Social Media Hochburgen der Debattenkultur sind. Und das auch im Zeitalter von Facebook, Instagram, Twitter und anderen Hors-sol-Begegnungsstätten bleiben werden.

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