Jenny und Bryan Hamblin gehen jeden Sonntag um ein Uhr in die Kirche in der Kleinstadt Ogden, rund 60 Kilometer südlich von Salt Lake City. Ihre Kinder, die fünfjährige Lilly und der zweijährige Tennyson, sind wie immer auch mit dabei. Fast in jeder Bankreihe tummeln sich Babys, Kinder und Teenager. Immer wieder hört man ein Säugling schreien, oder das Geräusch eines Spielzeugautos, das auf den Boden fällt.

Während vorne der Bischof der Gemeinde spricht, versucht Bryan den kleinen Tennyson bei Laune zu halten. Zuerst blättert er mit ihm durch einen religiösen Comic, das verschiedene Geschichten aus dem Buch Mormon erzählt. Doch allzu interessiert scheint der Bube nicht zu sein. Das ändert sich, als sein Vater ein Stoffbuch mit bunten Tieren hervornimmt. Tennyson vergisst aber nicht, nach Gebeten Amen zu sagen.

Zwischen der Rede des Bischofs, Gebeten und Kirchenliedern sprechen junge und ältere Kirchenmitglieder über ihren Glauben. Ein etwa 16-jähriges Mädchen erzählt den Anwesenden, wie sehr sie es liebt, Verstorbene nachträglich zu taufen. Ein Ritual, auf das die Kirche stolz ist, sie allerdings auch schon in Schwierigkeiten brachte. Vor einigen Jahren musste sie auf Druck der jüdischen Gemeinde damit aufhören, verstorbene Juden zu taufen. Das junge Mädchen hat auf jeden Fall keine Bedenken. Sie hat schon vier Verstorbene Tote getauft – natürlich nur symbolisch. „And I love it, it’s so awesome!“

1 Stunde Gottesdienst, 2 Stunden Schule
Nicht alle benutzen das Gesangsbuch für die Lieder. Viele haben eine entsprechende App auf ihrem iPad oder iPhone, und laden sich das Lied runter, das gerade gesungen wird. So anders, wie man sich den Gottesdienst der Mormonen als Laie vorstellen könnte, ist er gar nicht. Es herrscht eine sehr familiäre, ruhige Stimmung. Die Reden wirken bodenständig. Religiöse Symbole wie Kruzifixe kennen die Mormonen nicht. Und nach rund einer Stunde ist der Gottesdienst auch schon vorbei.

Die ganz Jungen können in einem Raum spielen gehen. Für alle ab zirka vier, fünf Jahre beginnt nun die zweistündige Sonntagsschule im gleichen Gebäude, aufgeteilt nach Altersgruppe - in der zweiten Stunde dann auch nach Geschlecht. Bei den Erwachsenen lautet das Thema: „Können Wunder Menschen zum Konvertieren bewegen?“ Die meisten Anwesenden nehmen rege an der Diskussion teil.

Die Männer im Teenager-Alter sprechen zuerst über das gestrige College-Footballspiel, danach über den Wert des Fastens und der Spende. Den Mädchen wird auf einem Laptop eine Rede des aktuellen Propheten Thomas S. Monson gezeigt. Alle hören artig zu.

Schon immer Mormonen gewesen
Um vier Uhr ist alles vorbei. Die Hamblins fahren heim in ihr kleines, aber gemütliches Zuhause, das nur fünf Minuten von der Kirche entfernt liegt. Sowohl Jennys als auch Bryans Eltern waren Mormonen. „Wir wurden quasi in diese Religion hineingeboren“, sagt Bryan, der als Studienberater am lokalen College arbeitet. „Wir sind froh, dass unsere Eltern mit uns ihren Glauben geteilt haben. Wir glauben, dass es der wahre Glaube ist, und diese Einstellung möchten wir auch unseren Kindern weitergeben.“ Lilly und Tennyson dürften selbstverständlich ihre eigene Entscheidung treffen, aber als Eltern hoffen sie, dass die Kinder in ihrer Kirche bleiben.

Hinterfragen sie manchmal gewisse Botschaften der Kirche? „Es ist immer gut, zu reflektieren“, sagt Hausfrau Jenny. „Auch als Eltern, fragen wir uns ja ständig, wie wir unsere Kinder erziehen möchten.“ Es gäbe aber leider noch immer viele falsche Vorurteile gegenüber den Mormonen, sagt Bryan. Zum Beispiel, dass Polygamie noch heute existiere. „Beide unserer Vorfahren, unsere Ur-Ur-Grosseltern lebten in Zeiten, als die Kirche Polygamie befürwortete. Meine Ur-Ur-Grossmutter war die fünfte Frau meines Ur-Ur-Grossvaters. Insofern ist uns dieses Konzept nicht ganz so fremd, wie anderen Leuten.“

Könnten sie sich also eine Rückkehr zur Polygamie vorstellen? Beide überlegen lange. „Es wäre schon sehr komisch, wenn die Kirche uns plötzlich vorschreiben würde, wieder Polygamie zu betreiben“, sagt Bryan. „Obwohl es einige Muslime ja heute auch machen. Aber in westlichen Gesellschaften wirkt es recht skandalös.“

Jenny bleibt schweigsam. Nach einiger Zeit sagt auch sie etwas: „Schau, wenn ich an die Zeit von damals denke, dann sehe ich sowohl den pragmatischen als auch spirituellen Grund. Damals machte Polygamie durchaus Sinn. Es gab viel mehr Frauen als Männer, und oft waren sie verwitwet und dankbar, wenn ein Mann sie aufnahm und half, ihre Kinder zu ernähren.“ Und der spirituelle Grund? „In unserer Religion steht die Familie über alles, wir sind alle miteinander als grosse Familie verbunden, über die Ewigkeit hinaus.“ Also was, wenn der heutige Prophet, Thomas S. Monson, morgen Polygamie predigen würde? „Vielleicht würde ich ja sagen. Das müssten wir uns sicher genau überlegen. Es wäre ein Test.“

Zweifel bei der Homo-Ehe
Und was ist mit der gleichgeschlechtlichen Ehe? „Wir haben schwule Mitglieder in unserer Gemeinde. Das ist kein Problem“, sagt Bryan. Auch wenn eure Kinder schwul oder lesbisch wären. „Ja. Dann würden wir sie unterstützen und weiterlieben.“ Die Church of Latter-day Saints hat sich aber 2008 in Kalifornien sehr für ein Verbot der Homo-Ehe engagiert. „Ja, das hat sie“, sagt Bryan. Plötzlich wirkt er etwas nervös. „Jenny und ich haben uns vor einigen Jahren darüber unterhalten und wir kamen damals zum Schluss, dass für uns die zivile Ehe für Homosexuelle in Ordnung ist. Die Kirche hat dann aber eine andere Parole publiziert.“ Und jetzt? „Jetzt sind wir uns nicht mehr so sicher.“

Macht es ihnen nichts aus, dass die Demokraten für das Recht auf Abtreibung sind? „Natürlich bin ich gegen Abtreibung“, sagt Jenny. „Aber Hillary Clinton sagte mal den Satz, Abtreibung sollte sicher, legal, und eigentlich nie stattfinden. Das fand ich gut.“ Und wenn man gegen Abtreibung sei, müsse man konsequenterweise für die Geburtenplanung sein. „Das macht Sinn.“ Die Republikaner seien ihr beim Thema Abtreibung zu extrem, vor allem wenn es um Inzest und Vergewaltigung geht.

Bryan, der als 18-Jähriger in Kanada missionierte, bezeichnet sich als Wechselwähler, Jenny als Unabhängige. „Wir haben beide vor vier Jahren Obama gewählt“, sagt Bryan. Momentan habe er sich noch nicht definitiv entschieden, wie er am 6. November stimmen werde. Jenny hingegen schon: „Ich habe zurzeit meine liebe Mühe mit den Republikanern. Und ich liebe Michelle Obama.“ Ihr Mann erinnert sie daran, dass Romney einen guten Job als Gouverneur in Massachusetts machte. „Aber in letzter Zeit wurde er auch mir zu rechts. Ich warte immer noch auf einen demokratischen Mormonen als Kandidat, das wäre spannend.“

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