Der Kommentar: Ich bin mit den Mythen um die Schweizer Geschichte aufgewachsen. Kaum ein Buch hat mich in meiner frühen Jugend so gepackt wie «Schweizer Sagen und Heldengeschichten» von Meinrad Lienert. Noch heute sehe ich das Bild von Ueli Rotach vor meinem inneren Auge, wie er vor der brennenden Scheune mit seiner Axt auf die Gegner eindrischt. Ich habe die Eidgenossen von Morgarten bewundert, die ein Heer von Rittern in guter Rüstung mit einer Steinlawine überrascht und besiegt haben. Etwas enttäuscht war ich, als ich am Schlachtdenkmal die sanften Hänge sah und mir rollende Steinbrocken so gar nicht vorstellen konnte. Zu dieser Zeit habe ich nichts anderes als Schlachten mit den alten Eidgenossen gezeichnet. Etwas später wurde ich Briefmarkensammler, und zu meinen grössten Schätzen gehörten die Marken von Ferdinand Hodler mit dem Wilhelm Tell und dem Rückzug von Marignano.

Jahrzehnte haben dieses naiv-kindliche Geschichtsbild abgeschliffen. Etwas davon hat sich allerdings bis heute gehalten. In der alten Eidgenossenschaft hat es nie einen echten Hof gegeben, keine Könige oder Fürsten. Natürlich existierte eine Oberschicht, heute würde man von Oligarchen sprechen. Aber das ausgeprägt Höfische, dieses System von Herrschen und Schleimen, gab es bei uns nicht. Das finde ich immer noch das prägendste Merkmal unserer Frühgeschichte.

Skepsis gegenüber Machtfülle und Obrigkeiten haben sich bis heute gehalten, und das ist typisch schweizerisch. Auf diesem Fundament ist die moderne Schweiz gewachsen, ein Staat, der von unten nach oben organisiert ist. Die Prinzipien sind Konsens und Kontrolle der Macht. Die grosse Koalition, anderswo beargwöhnt, ist Standard geworden. Sie garantiert den Einbezug aller Interessen und die sorgfältige Austarierung von Konflikten. Fakultative und obligatorische Referenden sorgen dafür, dass das letzte Wort den Bürgerinnen und Bürgern gehört. Die Suche nach einem tragfähigen Kompromiss, das ist typisch schweizerisch.

1937 ist zwar kein Jubiläumsjahr, für die Schweizer Geschichte aber ein entscheidendes Datum. Mit dem Friedensabkommen zwischen den Gewerkschaften und dem Arbeitgeberverband in der Metallindustrie wurde die Basis einer Sozialpartnerschaft gelegt, die bis heute andauert. Der tragfähige Kompromiss ist auch hier die Leitlinie, während selbst im europäischen Musterland Deutschland Lokomotivführer und Piloten, das Bodenpersonal der Flughäfen oder Metallarbeiter in hoher Frequenz den Streik zelebrieren. Dieser hohe Stand der Sozialpartnerschaft: Das ist typisch schweizerisch.

Die Eidgenossenschaft war ein armes Land und Reisläuferei eine hoch willkommene Einnahmequelle. Die Eidgenossen waren gefürchtete Kämpfer, auf welcher Seite sie auch standen. In der Französischen Revolution haben Eidgenossen als Letzte noch das untergehende Regime verteidigt. Zu ihrer Erinnerung wurde das Löwendenkmal in Luzern errichtet. Zu behaupten, seit Marignano sei die Eidgenossenschaft neutral, ist daher sehr gewagt. Das grosse Geld machten allerdings nicht die, die in den Schlachten kämpften, verkrüppelt wurden oder starben, sondern diejenigen, die sie vermittelten. Von jener Zeit stammt das Wort «Pas d’argent, pas de Suisse».

Auch das ist bis heute typisch schweizerisch geblieben. Die Neutralität wird als Erfolgsmodell gefeiert, weil sie erlaubt, mit allen Ländern Handel zu betreiben. Im Klartext: Kein Diktator so schlimm, als man mit ihm nicht Geschäfte machen könnte. Sinnbild für diese schweizerische Eigenart sind heute nicht mehr Soldaten in fremden Diensten, sondern Banken.

Natürlich sind das persönliche Ansichten. Absolute Wahrheit gibt es in der Geschichtsschreibung nicht. Seit geraumer Zeit nimmt die Polarisierung in unserem Land zu. Mit ihr einher geht die Verächtlichmachung des Kompromisses und die Diffamierung politischer Gegner. Die Definition echter Schweizer Werte und die Interpretation unserer Geschichte werden monopolisiert. Wer diese Werte nicht teilt, wird ausgegrenzt und als Verräter gebrandmarkt. Und das ist nun ganz gewiss höchst unschweizerisch.

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