Die «NZZ» war noch nie ein progressives, sondern immer schon ein ordoliberales Medium, das den Kriegsgurgeln näher stand als den Pazifisten. Weil aber die Linke zunehmend enttäuscht ist vom «Tages-Anzeiger», wird als psychohygienische Ersatzhandlung von links gerne ausgiebig auf die rechte «NZZ» eingeprügelt.

Dabei lässt sich die konservative Wende in den Schweizer Medien viel eher an der einstigen Speerspitze der progressiven Publizistik ablesen: dem «Magazin» des «Tages-Anzeigers». Darin war gestern Samstag eine Reportage zu lesen, die der Frage nachging, wann Sex noch Sex ist und wann ein Übergriff. Ein wichtiges Thema in einer Gesellschaft, in der jede fünfte Frau Erfahrungen mit aggressivem Anmachen, Begrapschungen und Sex-Attacken macht.

Doch der Text, geschrieben von drei ausgezeichneten jungen Journalistinnen, fiel weit hinter die erkämpften Errungenschaften der Frauenbewegung zurück – und erschöpfte sich seitenlang im Verstehen-Wollen von «verwirrten» und «verunsicherten» Männern, die offenbar auch im Jahr 2016 noch immer nicht ein Nein von einem Ja unterscheiden können.

Was für ein kolossaler Rückschritt, bedenkt man, dass Frauenrechtlerin und «Magazin»-Mitbegründerin Laure Wyss 1970 in der ersten Ausgabe weit über die Schweiz hinaus für Furore sorgte mit dem Titel: «Frauen gegen Männer – make war not love». Der Aufbruch von damals: am Ende.

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