Wie oft die Kesb sogenannte «Schutzmassnahmen» beschloss, war bislang nicht bekannt. Nun liegen erstmals Zahlen vor. Aktuell leben in der Schweiz 3500 Kinder in Heimen oder Pflegefamilien, weil – wie es das Gesetz formuliert – «das Zusammenleben aufgrund von starken Konflikten zwischen Eltern und Kindern oder Verhaltensproblemen eines Kindes unzumutbar geworden ist». 3500 fremdplatzierte Kinder – eine erschütternde Zahl. Hinter jedem Fall steckt ein Schicksal mit vielen Beteiligten. Sogar 3850 Kinder waren es im letzten Jahr der Vormundschaftsbehörde (2012). Das zeigt zumindest eines: Es trifft nicht zu, dass die Kesb «immer mehr Kinder wegnimmt», wie Kritiker behaupten. Eine Rückkehr zum alten System würde die Probleme nicht lösen, zumal dieses ebenfalls Mängel hatte: In kleinen Gemeinden entschieden nebenamtliche Laien auch hochkomplexe Fälle, die sie überforderten.

Doch die Entscheide müssen nicht besser sein, wenn sie von Profis gefällt werden. Zwar handeln die Kesb-Spezialisten juristisch meist korrekt – manchmal aber auch weltfremd, wie Beispiele zeigen, die publik wurden. Den Behörden fehlen bisweilen die Nähe zur Situation und der gesunde Menschenverstand. Sie entscheiden in ihren Amtsstuben weit weg von den Familien, über die sie richten. Es verfestigt sich der Eindruck: Beim Wechsel von den Laien- zu den Profibehörden ging man vom einen ins andere Extrem. Die Zentralisierung des Kindesschutzes führte zu einer Machtballung bei der Kesb – und zu einem Gefühl der Ohnmacht bei betroffenen Familien. Eine Korrektur tut not. Über allem sollte das Ziel stehen, Probleme durch die Familien und ihre Verwandten selbst lösen zu lassen. Dass der Staat Kinder fremdplatziert: Das darf in einer freien Gesellschaft nur das allerletzte Mittel sein.

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