Der Kommentar: Die Schwarzmaler und Zyniker werden Lügen gestraft. Die Schweiz schotte sich ab, sie rolle den Stacheldraht aus, verabschiede sich von der Welt. So und ähnlich wurde die Annahme der Masseneinwanderungsinitiative am 9. Februar 2014 im In- und Ausland kommentiert. Und jetzt das: Im ersten Quartal dieses Jahres kamen nicht weniger, sondern mehr EU-Bürger in die Schweiz, um hier eine Arbeitsstelle anzunehmen. Über 40 000 an der Zahl. Isolation sieht anders aus.

Sicher, der Verfassungsartikel ist noch nicht in Gesetzesform gegossen, und vor den Parlamentswahlen im Herbst wird hier auch nichts mehr gehen. Aber die Verfassung gilt, und darin ist ein Inländervorrang festgeschrieben. Um den scheint sich die Wirtschaft, die im Gegensatz zur Politik sofort handeln könnte, zu foutieren. Dass sie weiterhin auf EU-Arbeitskräfte zurückgreift, daran ist nichts auszusetzen. Doch dass die bereits hohe Einwanderung nochmals stärker geworden ist, wirft Fragen auf. Dies umso mehr, als die Konjunktur nicht gerade überhitzt ist, auch wenn sich die Folgen des Nationalbank-Entscheids vom 15. Januar in den Unternehmen erst im zweiten Halbjahr zeigen werden.

Die Arbeitgeber unterschätzen den Volksentscheid. Den vollmundigen Ankündigungen der Verbände, das inländische Arbeitskräftepotenzial besser zu nutzen – insbesondere die Frauen und ältere Arbeitnehmer –, sind kaum Taten gefolgt. Misstrauisch macht etwa, dass innerhalb eines Jahres die Arbeitslosenzahlen bei den 55- bis 65-Jährigen gestiegen sind. Die Wirtschaft, die bei jeder Gelegenheit betont, wie wichtig die Bilateralen seien, spielt ein gefährliches Spiel. Wenn sie weiterhin so tut, wie wenn der 9. Februar nie stattgefunden hätte, könnte sich das bei einer nächsten Abstimmung rächen.

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