den Haaren. Die SVP fühlt sich um ihren zweiten Regierungssitz betrogen und die SP streitet mit der FDP.

Der Kommentar: Wenn es wieder mal eines Beweises bedurfte, dass die Schweiz ein glückliches Land mit wenigen schwerwiegenden Problemen ist, so haben ihn die Bundesratswahlen erbracht. Zwei altershalber zurücktretende Minister galt es zu ersetzen – und zwei Monate lang war von nichts anderem die Rede. Das Ende der Konkordanz wurde heraufbeschworen, die Polarisierung und das Erlahmen der Mitte.

Und was ist geschehen? Sitzen jetzt Faschisten und Kommunisten in der Regierung, wurden krasse Aussenseiter gewählt? Ach woher. Der FDP-Mann wurde durch den FDP-Wunschkandidaten, der SP-Mann durch die SP-Favoritin ersetzt. Alles gewohnt stabil und unspektakulär. Trotzdem schreien nun die einen Zetermordio, und die anderen grinsen auf den Stockzähnen. SVP und SP sind empört und sprechen von Lüge und Niedertracht, die Parteichefs laufen Amok.

Der SVP-Präsident denkt an einen Systemwechsel nach deutschem Vorbild, der SP-Präsident nennt den FDP-Präsidenten einen Lügner und wird von diesem mit einer Gerichtsklage bedroht. Weshalb, was ist Schreckliches passiert? Justizministerin Eveline Widmer-Schlumpf hat ins Finanzdepartement wechseln dürfen, und Simonetta Sommaruga ist zur Justizministerin verdonnert worden.

Das ist alles – ein Personalakt, nichts weiter. In Paris, London oder Berlin würde man das, wenn überhaupt, mit einem Schulterzucken zur Kenntnis nehmen. Bundesbern aber führt sich auf, als wäre der Fortbestand der Eidgenossenschaft in Gefahr. Woher die Aufregung um diese Lappalie? Sie rührt daher, dass Politik erstens ein gewisses Mass an Aufregung braucht und dass zweitens in unserem stabilen Land wenig Aufregendes passiert.

Worüber streiten wir denn – über die Abschaffung des sozialen Netzes? Über die Vergesellschaftung von Grund und Boden? Ach woher. Zukunftsweisende Weichenstellungen, grosse Entwürfe sind selten in der Schweiz, die politische Auseinandersetzung dreht sich meist um konkrete, oft recht technokratische Details.

Letztes Wochenende zum Beispiel stimmte das Volk nicht um
Sein oder Nicht-Sein der Arbeitslosenversicherung ab, sondern über Nuancen ihrer Sanierung – um ein Lohnprozentchen mehr oder weniger. Das ist zwar wichtig, aber nicht sonderlich aufregend. Deswegen gingen auch nur 35 Prozent an die Urne.

Es ist eben nicht wahr, was mahnende Stimmen gern behaupten – dass die Konkordanz in Gefahr sei, die Polarisierung zunehme und die politische Mitte an Einfluss verliere. Wahr ist, dass unsere Regierung von vier Mitteparteien gebildet wird, die sich in den Grundzügen erstaunlich einig sind.

Alle sind für freie Marktwirtschaft und ein stabiles soziales Netz, alle für gedeihliche Zusammenarbeit mit Europa unter grösstmöglicher Wahrung nationaler Eigenart. Alle sind für Toleranz gegenüber Andersdenkenden und Schutz der Minderheiten, für Sicherheit auf den Strassen und Freiheit in Lehrsälen und Redaktionen, für Freihandel und Schutz des Bauernstands... Zur Diskussion steht lediglich das Mass und der Weg zum Ziel.

Wahr ist allerdings auch, dass diese Details von grosser Bedeutung sein können. So kann es von erheblichem Einfluss für die politische Stimmung sein, dass nun die linksliberale Sommaruga statt der rechtskonservativen Widmer-Schlumpf das Justizministerium führt. Vielleicht werden sich jene Schlaumeier am rechten Rand des Mitte-Spektrums, die Sommaruga zur Justiz verknurrt haben, schon bald reuevoll am Schädel kratzen – etwa dann, wenn die Neue den harten Kurs ihrer Vorgängerin im Asylwesen korrigiert.

Oder wenn sie verstärkt die Integration von Immigranten fördert. Oder die Verschärfung des neuen Strafrechts, welche Widmer-Schlumpf nur zwei Jahre nach dessen Inkrafttreten bereits in die Wege leitete, wieder rückgängig macht. Christian Levrat weiss bestimmt, dass es in der Vergangenheit öfter vorkam, dass die SP nicht das gewünschte Departement bekam – oder nicht den gewünschten Bundesrat.

Man denke an Otto Stich. Oder Ruth Dreifuss. Oder Willi Ritschard. Gut möglich, dass Sommaruga zu deren Format heranwächst. Kein Grund, Amok zu laufen. Wird schon alles gut werden. Wie immer in unserem glücklichen Land.