Und doch hat es etwas Heuchlerisches, wenn hohe Politiker, mächtige Wirtschaftsvertreter und Strippenzieher plötzlich JeSuisCharlie-Twitter-Meldungen versenden, aber gleichzeitig aufmüpfige Journalisten mit Klagen eindecken und Gesetze verschärfen, die kritische Stimmen mundtot machen und unbequeme Whistleblower hinter Gitter bringen. Beim Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte in Strassburg sind derzeit viele Fälle hängig, in denen die Meinungsfreiheit tangiert ist. Eine beklemmend grosse Anzahl stammt dabei aus der Schweiz. Das sollte uns zu denken geben.

«Charlie Hebdo» ist eine Ausnahmeerscheinung im publizistischen Universum. Die allermeisten Medien sind bei weitem nicht so frei, wie sie jetzt tun. Sie müssen sich den Vorwurf gefallen lassen, dass sie oft nur dort wirklich frei sind, wo sie wenig bis nichts zu befürchten haben. Das ist nicht nur bei religiösen Karikaturen so, sondern in fast allen Bereiches des Journalismus, in der Politik, Wirtschaft, Kultur und Wissenschaft.

Die bittere Erkenntnis ist: Wir Medienleute wissen, dass wir ein gutes Stück unserer Freiheit preisgegeben haben. Umso mehr trauern wir jetzt um die Macher von «Charlie Hebdo». Auch weil wir wissen, dass wir die Prinzipien und Ideale, die die Karikaturisten bis zum Letzten verteidigten und mit ihrem Leben bezahlten, verraten haben.

«Charlie Hebdo» war frei – geradezu vogelfrei. Vielleicht hätte das Blutvergiessen mit noch schärferer Bewachung verhindert werden können. Doch was für eine Freiheit ist das, wenn Polizisten in Kampfanzügen und mit Maschinenpistolen Redaktionsräume beschützen müssen?

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