Der Kommentar: 1950 waren die Rollen klar verteilt. Wer von A nach B wollte, nahm den Zug. Der öffentliche Verkehr hatte einen Marktanteil von 56,8 Prozent. In den folgenden Jahren des Wirtschaftswunders wurde das Auto aber zum Symbol der Freiheit und des Wohlstands. Kein Wunder, dass der Marktanteil der Schiene auf 18 Prozent im Jahr 1980 sank.

Dann kam die Wende. Das Waldsterben führte 1986 zur Vergünstigung des Halbtax-Abos. 1987 stimmte das Volk ohne Wenn und Aber dem Milliardenprojekt Bahn 2000 zu. Der öV machte Boden gut. Fast 25 Prozent Quote erreichte er 2011.

Ist diese Epoche zu Ende? Erstmals verlor der öV im Jahr 2012 wieder Marktanteile. Das sind schlechte Neuigkeiten, und zwar für Strassenbenützer und für Bahnfahrer. Einerseits verliert der öV an Attraktivität. Wer heute Auto fährt, gibt damit kein Wohlstands-Statement mehr ab, sondern protestiert stumm gegen eine Bahn, die mit ihren Preiserhöhungen und – das Wort sei erwähnt – Stellwerksstörungen den Nimbus der Zuverlässigkeit verloren hat. Es ist den Pendlern offenbar egal, wenn auf der Zürcher Nordumfahrung jeden Tag acht Stunden Stau herrscht. Selbst wenn sie aus der Kolonne die vorbeirauschende S-Bahn betrachten müssen.

Vielleicht müssen die SBB nur warten. Wenn die Staus erst einmal den halben Arbeitstag fressen, wird die Bahn wohl wieder Zulauf spüren. Als Sieger kann sich dann aber niemand fühlen. Eine Bahn, die nur wegen der Überlastung der Strasse gewinnt, und ein Strassennetz, das kurz vor dem Kollaps steht, sind nicht nur volkswirtschaftlich unsinnig, sondern eines Landes unwürdig, das sich seiner einzigartigen Infrastruktur rühmt.

Mehr Themen finden Sie in der gedruckten Ausgabe oder über E-Paper