«Ein schwarzer Sonntag» – das glaubte ich damals auch. Umso vehementer war ich danach persönlich für einen Beitritt zur EU. Doch das war einmal. «Vergessen wir die EU der 27!», sagte der frühere deutsche Aussenminister Joschka Fischer diese Woche in einem Interview mit der «Zeit». Er sehe leider nicht, «dass diese 27 Staaten gemeinsam irgendeine bedeutsame Reform hinbekommen». Ob alle Euro-Staaten in der Euro-Zone drin sein müssten, wisse er nicht. Kurzum: Der Europäer Fischer hat sich vom Grundgedanken der EU verabschiedet. Das geht mit Blick auf Griechenland, Italien oder Portugal auch vielen Schweizern so. Und es sind beileibe nicht nur SVP-Wähler.

Auch ein HSG-Professor wurde oft genug zu Unrecht belächelt für seine Prognosen. Doch nun sieht es so aus, als könnte Franz Jaeger recht behalten mit dem, was er am 2. Mai 2010 (!) in einem Gastbeitrag für den «Sonntag» schrieb: «Der Euro-Raum, lange Zeit erfolgreich navigiert durch eine stabilitätsbewusste Zentralbank (EZB), läuft heute Gefahr, an der Teufelsspirale seiner Schulden- und Umverteilungsmaschinen zu scheitern. (...) Was am Ende als Lösung bleiben wird, wird eine Spaltung des Euro-Währungsraums in zwei Teile sein. Es wird zu einem Süd- und zu einem Nord-Euro kommen müssen.»

Jaeger war der erste, der dieses Szenario beim Namen nannte – weit bevor sich diese Woche die Meldungen zu einem ähnlich gelagerten «Geheimplan» überschlugen. Deutschlands Kanzlerin Angela Merkel soll eine Kommission damit beauftragt zu haben, Wege zu finden, «wie ein Staat aus dem Euro wieder herauskommt» («Handelsblatt»). Planspiele in Berlin und Paris über eine Verkleinerung der Euro-Zone gab es zweifellos, so sehr sie auch dementiert wurden. Selbst Kommissionspräsident José Manuel Barroso hat vor einer Spaltung der Union gewarnt.

Wenn heute in der Schweiz nach einer sofortigen Aufnahme von EU-Beitrittsverhandlungen gefragt würde, wäre die Zustimmung mit Garantie unter den 23,3 Prozent vom 4. März 2001. Der bilaterale Weg bleibt das Ziel der Schweiz. Während im restlichen Europa vieles wegbricht, ist die Schweiz jetzt definitiv das, was viele nicht sein wollten: eine Insel. «Sonntag»-Karikaturist Silvan Wegmann hätte es treffender nicht zeichnen können. Es ist eine Ironie der EU-Geschichte, dass der Versuch, den Euro zu retten zu zwei Europas führen wird. «Berlin wird das neue Brüssel», schrieb die «Süddeutsche». Angela Merkel und Nicolas Sarkozy in ihrem Schlepptau zwingen Europa den Takt auf – «in einer Schuldenkrise als Teufelskreis» («NZZ»). Die ursprüngliche EU Vision wird ein Fall zum Vergessen. So gesehen war der 6. Dezember 1992 kein schwarzer Sonntag für die Schweiz.

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