Der Kommentar: Ich kann leider nicht schreiben, wenn ich etwas getrunken habe, deswegen bin ich ja auch kein Hemingway, sondern nur ein kleiner Lehrer in der Vorortsgemeinde Orpund bei Biel. Einen Drink brauche ich manchmal, z. B. wenn mir der Beschluss des Ständerates zugetragen wird, wonach ab 22 Uhr keine alkoholischen Getränke «über die Gasse» mehr verkauft werden dürfen.

Als Staatskundelehrer vermittle ich meinen Schülerinnen und Schülern unter anderem auch, dass Gesetze verhältnismässig sein müssen – das heisst der Eingriff in die Freiheit darf nicht grösser sein als nötig. Alle Schweizer unter Generalverdacht zu stellen, ist eindeutig unverhältnismässig.

Ja, und die Überzeugung, dass Gesetze geeignet sein müssten, ihren Zweck zu erfüllen, scheint sich bei nüchterner Betrachtung der Geschehnisse immer mehr zu einer Schnapsidee zu entwickeln.

Denn der Entscheid des Ständerates verläuft nach dem immer selben Muster: Eine Minderheit von Personen hat ein Problem oder macht Probleme (Raser, Hooligans, Alkoholsüchtige, Übergewichtige, Raucher, Nichtschwimmer, Nichthelmträger). Daraufhin werden Regelungen, Verbote und Gesetze erlassen, welche die grosse Mehrheit der Bevölkerung einschränken, zum Verdruss der Regulatoren aber die Zielgruppe oft gar nicht treffen, weil diese sich eh nicht an die Regeln halten.
Die gegenwärtige ausufernde Verbotskultur stachelt den Erfindergeist unserer Kids im Gegenteil nur noch an, oder um mit dem französischen Philosophen und Gesellschaftskritiker Michel Foucault zu sprechen: Jedes Verbot ist ein heimliches Gebot. Der ständerätliche Entscheid ist ein weiterer Meilenstein einer landesweiten Fürsorge- und Verbotskultur.

Viele Gemeinden untersagen den Schulen neuerdings während der traditionellen Schulschlussfeiern den Ausschank von Alkohol an Eltern, Lehrkräfte und Behördenmitglieder. Ulkig dabei: Während sich die Eltern und Lehrkräfte brav mit Mineralwasser begnügen, verlassen die Schulabgänger jeweils das Fest vorzeitig, ziehen sich an einen stillen Ort zurück, wohin der Alkohol den ganzen Tag durch massenweise deponiert wurde. Das Kollektivbesäufnis kann beginnen.
Was unsere staatlichen Zwangsbeglücker dabei regelmässig vergessen: Zwischen «Abstinenz» und «Alkoholismus» liegen ganze Kontinente der Geselligkeit, Heiterkeit und klugen Schnapsideen, wozu auch der Alkohol beiträgt. Es ist ein herber Verlust, auf diesen Treibstoff zu verzichten. Wir verdanken dem Alkohol nebst seiner zweifellos verheerenden Wirkung auch und vor allem sehr viel Schönes. Winzer und Brauer sind nicht einfach nur profitgeile Industrielle, sondern grossartige Handwerker.

Natürlich sind die zuckersüssen und zu billigen Alcopops ein Ärgernis. Mit einem Verbot verbannen wir aber nicht nur Eigenverantwortung, Reflexion und Diskurs, wir erreichen auch in der Regel wenig. Bei so viel staatlicher Zwangsregulierung unerwünschten Verhaltens tut es gut zu hören, dass Hannover das Verkaufsverbot für Alkohol im Bahnhofsbereich wegen erwiesener Erfolglosigkeit wieder aufgibt. Das ist übrigens keine Selbstverständlichkeit. Meist bleiben einmal erteilte Verbote erhalten, auch wenn sie ihren angedachten Sinn und Zweck nachprüfbar nicht erfüllen.

Wenn immer mehr Aufgaben und Pflichten an den Staat delegiert werden, wenn immer mehr Regeln den gesunden Menschverstand ersetzen, der bei einem überwiegenden Teil der Bevölkerung vorhanden ist, dann interessieren uns diese Aufgaben und Pflichten gar nicht mehr.

Die Folgen sind Einschränkung der persönlichen Freiheit, geistige Stagnation, praxisferne Öde und eine Lähmung des gesellschaftlichen Austausches. Nicht die Schweizer Tugenden wie Fleiss, Pünktlichkeit und Ordnung werden hier aufs Spiel gesetzt, sondern die Eigenverantwortung, die dynamische Selbstbestimmung, die Entscheidungsfreudigkeit und der freie Geist. Leben ist auch Wagnis, Erfolg beruht auf Scheitern, Entwicklung auf Wettbewerb. Genau auf diese Werte ist der Staat aber angewiesen, wenn er die enormen Mittel für seine Tätigkeiten weiter abschöpfen will. Die Gefahr besteht, dass die Träger dieser Werte narkotisiert werden, was schlimmer ist als der wochenendliche Rausch einiger Jugendlicher.

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