Die Chefin der US-Botschaft ist Suzan LeVine, die erst vor kurzem mit ihrer Familie nach Bern gezogen ist. Die Schweiz kennt sie bereits einigermassen. So war sie auf dem Gauligletscher, sagt sie in einem Interview. Dort stürzte vor bald 70 Jahren die amerikanische Militärmaschine Dakota C-53 ab. Die Überlebenden wurden in einer spektakulären Aktion gerettet. «Damals gab es ein unheimliches Vertrauen», sagt LeVine im «Bund».

Von diesem Vertrauen ist nicht mehr viel übrig. Nachhaltig beschädigt wurde es durch die Treibjagd auf den Schweizer Finanzplatz. Allein die Grossbanken schickten in den letzten Monaten Milliarden an Bussgeldern über den Atlantik. Lange fühlte sich die Schweiz als alleiniger Prügelknabe.

Inzwischen bekommen auch andere Staaten die harte Hand der Amerikaner zu spüren. Die französische Grossbank BNP Paribas musste bluten, und bald werden deutsche Finanzinstitute zur Ader gelassen. Der Präsident des mächtigen deutschen Industrieverbands poltert: «Es kann nicht sein, dass Amerika das europäische Finanzsystem schwächt und anschliessend vielleicht die eine oder andere Bank kauft.»

Strapaziert sind die Beziehungen zwischen Deutschland und den USA ohnehin. Als diese Woche bekannt wurde, dass die Amerikaner ein Mitarbeiter des deutschen Nachrichtendienstes angeheuert hatten, verwies die Regierung in Berlin den US-Chefspion des Landes. Eine derartige Eskalation gab es noch nie der Geschichte der Bundesrepublik. Die Deutschen sind empört: Wie kann man nur Freunde aushorchen?!

Die ehemalige Aussenministerin Hillary Clinton macht klar: «Die USA werden nie ein No-Spy-Abkommen mit irgendeinem Land abschliessen, nicht mit Ihnen, nicht mit Grossbritannien oder Kanada», sagt sie im Interview mit dem «Spiegel». Immerhin, so viel gibt sie zu, sei es ein Fehler gewesen, das Handy von Angela Merkel abzuhören.

Die USA glauben sich im Recht. Gerne verweisen sie auf die Hamburger Terror-Zelle, welche die Anschläge vom 11. September geplant und durchgeführt hatte. Oder auf die Beziehung zwischen Ex-Kanzler Gerhard Schröder und Wladimir Putin und die engen Verflechtungen der beiden Volkswirtschaften. Für die Amerikaner steht deshalb ausser Frage: Sie werden weiterspionieren.

Doch die Schweiz ist nicht Deutschland. «Wir sind Schwesterrepubliken», sagt Botschafterin LeVine. Die Schweiz schrieb die Bundesverfassung der amerikanischen ab. Der Föderalismus ist unsere gemeinsame DNA. Umso weniger ist zu verstehen, dass die Amerikaner ihre Nase in unsere Boudoirs stecken wollen.

Klar, es war naiv von Angela Merkel, mit einem normalen Handy über anderes als über Sauerkrautrezepte zu sprechen. Der Bundesrat aber hat reagiert und für alle Mitglieder abhörsichere Mobiltelefone beschafft – mit Schweizer Verschlüsselungstechnologie. Die Schweiz kann die Schnüffeleien USA nicht abstellen, aber sie hat die Möglichkeit, die Kommunikationsmittel von exponierten Personen zu schützen.

Mehr Themen finden Sie in der gedruckten Ausgabe oder über E-Paper