Junge Journalisten sind faul, müde und wollen einfach nur berühmt werden. Nein, es trifft nicht zu, was vor einer Woche der „Südostschweiz“-Chefredaktor David Sieber in seiner „Schweiz am Sonntag“-Kolumne schrieb (http://www.suedostschweiz.ch/community/blogs/jung-und-schon-muede). Wir, die jungen Journalisten, sollten mehr Dreck fressen, hiess es später auf Twitter. Kostprobe gefällig vom Dreck, den wir jeden Tag schon vorgesetzt kriegen?

Es beginnt am ersten Arbeitstag: Der Praktikant kommt auf die Redaktion und niemand ist darauf eingestellt. Es fehlt an Betreuung. Redaktionskollegen machen sich nicht einmal mehr die Mühe, den x-ten Praktikanten kennenzulernen. Wozu auch? In drei Monaten kommt der Nächste. Der Arbeitsalltag auf diesen Redaktionen ist für den Nachwuchs von Langeweile und Unterforderung geprägt. Genommen werden für diese Stellen trotzdem nur die mit Berufserfahrung.

Es gibt auch den gegenteiligen Fall, auf Redaktionen, in welchen ein grosser Teil der Angestellten Praktikanten sind. Dort ist dann eher die totale Überforderung an der Tagesordnung. Dann passiert es, dass sich Politiker später über diese Praktikanten beschweren, weil absolute Basics vor dem Interview erklärt werden müssen. Privatradiostationen und „20 Minuten“ kämpfen in dieser Kategorie erbittert um den ersten unrühmlichen Platz. Es gibt wenige Praktikumsstellen, die nicht in das eine oder andere Extrem kippen. Von der totalen Überschätzung und Überlastung zur direkten Unterschätzung.

Bei der Arbeit auf Redaktionen klassischer Medien ist dafür der Arbeitsalltag von einem anderen Virus geprägt. Der technischen Verweigerung älterer Redaktionskollegen. „Ich habe Angst vor dem Internet“, sagte ein ehemaliger Redaktionsleiter zu mir. Wenn die Generation Pflegheim Angst vor dem Netz hat, mag das verständlich sein. Aber ein Journalist im 21. Jahrhundert diskreditiert sich damit vollständig. Sich kategorisch dagegen zu wehren, vergrössert nicht nur die Angst, sondern besiegelt gleichzeitig auch den eigenen Untergang.

Zugegeben, diese Meinung schmilzt glücklicherweise dahin. Nichtsdestotrotz glänzen Journalisten weiter in ihrer ablehnenden Haltung. „Twitter – das ist doch dieser Mist in 140 Zeichen.“ Wie kann ein Journalist etwas gegen Twitter haben, wenn diese Plattform ganze Revolutionen mitausgelöst hat? Ich frage mich, wer mit dieser Meinung noch einen Job ausüben kann, dessen Attribute „neugierig“ oder „Interesse an Neuem“ sind.

Weiter zum verhassten Facebook. Meiner Meinung nach ist eine Datenbank mit 1 Milliarde Menschen ein Schatz für jeden Journalisten. Erst vor wenigen Tagen hörte ich jedoch von einem Berufskollegen, dass er noch immer nicht angemeldet sei. Kritische Journalisten würden besser einmal die Bedingungen im eigenen Arbeitsumfeld hinterfragen: In der Schweiz gibt es teilweise 500 Franken brutto für Praktikumsstellen oder in extremen Beispielen nur abgestandene Büroluft. Das reicht nicht fürs Überleben in der Schweiz. Einige Praktikanten arbeiteten an Wochenenden zwischen 30 und 40 Prozent am Flughafen, um sich über Wasser zu halten.

Ein bisschen Selbstausbeutung gehöre eben auch dazu, wird nun von älteren Journalisten teilweise argumentiert. Anhand dieses Beispiels wirkt das zynisch. Einem betroffenen Praktikanten fällt dazu nur ein Wort ein: Arrogant. Gegen alle diese Missstände und Vorurteile gibt es die Organisation Junge Journalisten Schweiz. Unsere Herzen gehören definitiv dem Journalismus und allen, die weiterdenken und nicht auf dem Sauerstoffschlauch für unser Feuer stehen.

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