Und nun diese Bilder aus dem einstigen Paradies: der Killer in Polizistenuniform, der die jungen Menschen hinrichtet – im «Zehn-Sekunden-Takt», wie eine Augenzeugin erzählte. Kinder in Badehosen, die sich in Todesangst hinter Gebüschen verstecken. Leichen, die im Meer schwimmen.

Es ist ein unfassbarer Anschlag auf engagierte Jugendliche, die für das soziale, liberale, offene Norwegen stehen, wie wir es kennen. Der Massenmörder löschte das Leben von jungen Menschen aus, die sich als Demokraten für ihr Land eingesetzt haben. Es ist ein Anschlag auf die demokratische Gesellschaft.

Die Schweiz teilt die Werte mit Norwegen, die der Attentäter vernichten wollte: Toleranz im Zusammenleben verschiedener Kulturen. Sozialer Ausgleich zwischen den Reichen im Land und den Schwächeren der Gesellschaft. Wille zur Integration von Einwanderern, auch mit anderen Religionen. Der Massenmord auf Utöya – er ist auch ein Anschlag auf die Werte der Schweiz.

Diese Werte sind in Norwegen wie in der Schweiz allerdings zunehmend infrage gestellt. Der Zeitgeist weht von anderswo her. «Multikulturalismus ist das Ende des Abendlandes», schrieb der Attentäter im Internet. Dieser Meinung sind bei weitem nicht nur Rechtsextremisten. Wer für die Schwachen einsteht, wird schnell einmal als «Gutmensch» verunglimpft. Die 600 Teilnehmer des Jugendlagers auf Utöya, von denen mehr als 80 ermordet wurden, standen am Anfang ihres Lebens – und hätten sich noch lange für diese Werte eingesetzt.

Falsch und verharmlosend wäre nun aber, daraus abzuleiten, dass das Massaker in Norwegen gesellschaftliche Gründe hätte. Der Zuger Alt-Regierungsrat Hanspeter Uster, der vor knapp zehn Jahren das Leibacher-Attentat im Kantonsrat überlebte, sagt es in unserem Interview richtig: «Nicht das gesellschaftliche Klima ist schuld an einem Attentat. Es ist immer der Einzelne, der es macht». Doch Uster betont auch: «Wenn es Ressentiments gegen bestimmte Ethnien oder Glaubensrichtungen gibt, kann das zu Hass führen.»

Die Schweiz ist bislang von politisch motivierten Anschlägen verschont geblieben; das Attentat von Zug im Herbst 2001 hatte andere Motive. Vielleicht machen uns die Anschläge von Oslo und Utöya auch darum so betroffen, weil Norwegen bis Freitag ebenfalls verschont geblieben war. «Niemand hätte Oslo als Ziel gesehen», sagte gestern der Korrespondent von Radio DRS, und er ergänzte: «In Norwegen glaubte man, hier sei die Welt noch in Ordnung.»

Das glauben auch wir Schweizerinnen und Schweizer. Die Tragödie von Norwegen ruft uns in Erinnerung, wie brüchig unsere heile Welt ist, wie schnell auf einmal alles anders sein kann.

«Die Antwort auf Gewalt ist mehr Demokratie, mehr Menschlichkeit, aber nicht mehr Naivität», sagte Ministerpräsident Jens Stoltenberg gestern. Es ist die Antwort eines Demokraten.

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