Der Kommentar: Saudi-Arabien hatte schon vor dem Tod von König Abdullah für Schlagzeilen und internationale Entrüstung gesorgt. Während 20 Wochen sollte der Blogger Raif Badawi 50 Peitschenschläge erhalten, weil er den Islam beleidigt hatte. Diese archaische Strafe ist vorerst aus gesundheitlichen Gründen ausgesetzt worden. Körperstrafen und öffentliche Exekutionen, begründet mit einer strikten Auslegung der Scharia, dem islamischen Recht, sind im konservativen Königreich gängige Praxis. Saudi-Arabien befindet sich gleichzeitig in der Moderne und im Mittelalter, nimmt für sich als Wiege des Islams in Anspruch, ein Spezialfall zu sein.

In einem zähen Machtkampf hatte König Abdullah den konservativen Klerikern Schritt für Schritt kleine Reformen nach dem Motto Evolution und nicht Revolution abgerungen. Auch die Stellung der Frauen hat er etwas verbessert. Frauen sind heute in Saudi-Arabien viel sichtbarer als noch vor wenigen Jahren.

Hunderttausende junger Frauen und Männer werden das Erziehungssystem mit einem neuen Selbstbewusstsein verlassen und überkommene gesellschaftliche Muster infrage stellen. Sie werden vermehrt Bürgerrechte und politische Mitsprache einfordern und sich nicht mehr nur mit gönnerhaften Finanzhilfen abspeisen lassen, die sich der Staat ohnehin je länger, je weniger leisten kann. Der neue König Salman hat der Bevölkerung versprochen, die Politik seines Vorgängers fortzusetzen. Der Spagat, gleichzeitig ein fortschrittliches Land mit allen technischen Errungenschaften zu sein und den mittelalterlichen Gepflogenheiten nicht weniger Religionsvertreter Genüge zu tun, wird aber immer unhaltbarer.

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