1235 Kilometer östlich von Berkeley, in der Stadt Provo, steht die Umfrage unter anderen Vorzeichen. Provo liegt südlich von Salt Lake City im stark republikanisch geprägten Staat Utah. Provo ist die Stadt der Brigham Young University (BYU), welche nach dem zweiten Propheten der Mormonen benannt ist. Young führte seine Jünger 1847, nach der Vertreibung von der Ostküste, ins Salt Lake Valley und gründete hier das Zentrum der Church of Latter-day Saints.

Akademisch ist die Brigham Young Universität vor allem für ihr Jura-, Wirtschafts- und Computeranimationsprogramm bekannt. BYU ist aber keine gewöhnliche Universität: 98 Prozent der rund 33’000 Studenten sind Latter-day Saints. Dieses Jahr wurde sie zum 15. Mal in Folge zur „No. 1 Stone-Cold Sober School“ ausgezeichnet, als stocknüchternste Universität des Landes. Schliesslich müssen alle neuen Studenten vor Studienbeginn eine Erklärung unterzeichnen, in der sie sich verpflichten, auf Drogen jeglicher Art zu verzichten, inklusive Alkohol. Studying und Dating sind wichtiger als Partying.

Jeder Student muss für sein Studium Kurse der Religionswissenschaften besuchen. Dazu gehört auch eine Einführung in die Lehren der Mormonen. 88 Sprachen kann man hier studieren. Das ist kein Zufall. Denn viele Missionare möchten an der Universität die Sprache des Landes, in dem sie dienten, weiterlernen. Und: Auf keinem anderen Campus sieht man wohl so viele Kinderwagen wie an der BYU. 25 Prozent der Studenten sind bereits Eltern. Wen wundert’s. Mormonen lieben nun mal Babys.

Eine Mormonen-Uni im republikanischen Utah. Ich mache mir also nichts vor, wie das Resultat aussehen wird. Die Frage ist: Finde ich auch die eine oder andere Stimme für Obama?

Als Erste frage ich Politologie-Studentin Alyssa. „Romney natürlich! Ich lese gerade das Buch ‚Death of the Liberal Class’ von Chris Hedges. Es zeigt, wie schädlich die Demokraten für dieses Land sind.“ 1:0 für Romney.

Auch Ellee und Clark bevorzugen den ehemaligen Gouverneur von Massachusetts. „Er ist viel besser für den Job qualifiziert“, sagt Elle. Clark pflichtet ihr bei. „Er hat mehr Erfahrung und weiss, wie man schwierige Entscheidungen trifft, um ein Problem zu lösen.“

Plötzlich sehe ich die erste Afroamerikanerin auf dem Campus. Ein Hoffnungsschimmer für den aktuellen Präsidenten in meiner Umfrage? Tatsächlich: „Ich stimme für Obama“, sagt Kwaghdoo – obwohl ich sie ehrlichweise zu einer Antwort überreden muss. Dass bloss kein Mitschüler meine Antwort hört, scheint sie sich zu denken.

Hannah und Steven hingegen nennen voller Stolz Mitt Romney. „Ich bin Republikanerin“, sagt Hannah. Das ist der einzige Grund? „Ja, eigentlich schon. Ach ja, und ich bin für eine schlanke Regierung. Das kannst du auch noch schreiben.“ Steven hat sich in der Zwischenzeit seine Argumente gut überlegt: „Romney hat einen Wirtschaftsabschluss. Sein Lebenslauf befähigt ihn für diesen Job. Er hat mehr Ahnung als dieser Anwalt aus Chicago. Obama ist kein Leader.“

Kate, eine Art-Education-Studentin, kann wie vorhin Hannah auch nur einen Grund nennen, weshalb sie für Romney stimmt: „Ich bin Republikanerin.“ Ihr Kollege Cameron weiss hingegen ganz genau, weshalb er nicht für Romney stimmt: „Ich finde Präsident Obamas Steuerpolitik gut. Bürger mit einem Einkommen von über 250'000 Dollar sollten mehr Steuern bezahlen. Und ich denke, er hat auch sehr viel für die internationalen Beziehungen der USA geleistet.“

Dave und Kelsey haben beide erst gerade ihr Studium angefangen und noch kein Hauptfach gewählt. Dafür einen Kandidaten: Romney. Doch auch hier warte ich vergebens auf tiefschürfende Gründe. „Wir sind Republikaner.“

Und somit heisst es am Schluss 8:2 für Mitt Romney.

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